Dabiq und Daesh

Am 14. August 2014 erobert der bis dato recht unbekannte Islamische Staat das kleine Dorf Dabiq im Norden Aleppos von der restlichen Opposition, bis vor kurzem galt die FSA und Daesh immerhin als enge Verbündete in der „Revolution gegen das Assad-Regime“. Trotz versuchter Gegenoffensive der FSA starben rund 40 eigene Kämpfer, Daesh verlor hingegen nur 12 eigene Soldaten.

Die daraus resultierende Freude im Machtapparat und dem restlichen Territorium von Daesh speist sich aber nicht aus irgendeiner strategischen Relevanz eines kleinen Dorfes, sondern in der islamistischen Eschatologie der Gruppe und der Bedeutung für ihre religiöse Doktrin.

Ohnehin gilt Sham/Großsyrien/Levante als ein bedeutender Ort für den islamistischen Narrativ, der durch verschiedene Ereignisse das Ende der Welt und Tag des jüngsten Gerichts einläuten wird, auch bekannt als „Yawm al Qiyamah“ (Tag des Wiedererwachens). Diese Ereignisse werden aber von unterschiedlichen Sekten & Richtungen verschieden bewertet, sowohl in ihrer Reihenfolge als auch in der Relevanz von einzelnen Individuen und Ereignissen. Der Grund darin liegt vor allem in der Quelle: Nicht der Koran sondern die Hadithe (Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed) werden als Informationsquelle genutzt, welche unterschiedlich von ihrer Authentizität her bewertet werden. Während nicht nur Sunniten und Schiiten sich auf verschiedene Hadithe beziehen, herrscht zumindest in der Allgemeinheit die gleiche Ansicht; dass es zu einem großen Aufruhr im Levante vor dem Qiyamah kommen wird.

Einige Hadithe erwähnen dabei eine Person namens „Sufyani“, er soll der despotische Anführer des Banu Kalb-Stammes sein und Korruption in Syrien streuen und dabei Unschuldige töten und denunzieren. Er soll eine Armee schicken, die den prophezeiten Mahdi (Nachkomme des Propheten Mohammed) besiegen wird. Schiiten dagegen glauben an die Geburt des Sufyani als einen Tyrannen und Nachkommen von Abu Sufyan, dem Vater von Muawiya, welcher wiederum gegen den ersten Imam Ali (und laut Schiiten dem rechtmäßigen Nachfolger von Mohammed) kämpfte. Sunniten hingegen akzeptieren diese Beschreibungen des „Sufyani“ als unglaubwürdig und damit „daif“. Trotzdem glauben sie ebenfalls an einen Verfall & Korruption im Levante/Sham vor dem Tag des jüngsten Gerichts.

 Außerdem soll es zu einer großen Schlacht zwischen Muslimen und „Römern“ kommen, welche für beide Seiten und das Land äußerst brutal und verheerend sein soll. Am Ende soll die muslimische Armee unter großen Verlusten siegreich sein, ⅓ der Armee soll sterben, ⅓ soll desertieren und das letzte ⅓ wird Konstantinopel erobern und dort ausgelassen feiern, bis der Dajjal respektive Antichrist erscheinen wird. Trotz intensiver Versuche der Armee unterliegen sie dem Dajjal. Laut Sunniten soll an diesem Zeitpunkt Jesus vom Himmel absteigen und die Armee in der Schlacht gegen den Antichristen anführen und siegen. Nach dem Sieg wird er eine gerechte Regierung etablieren, kurz vor Qiyamah aber sterben. Zwölfer-Schiiten glauben dass der Mahdi, welcher in ihrer Tradition der 12. Imam Muhammad al Mahdi ist und 874 verschwand, sowohl Jesus als auch den Dajjal besiegen wird.
Ein weiteres Symbol des Qiyamah soll die Verwandlung des Wassers im Euphrat zu Gold werden, über welches viele Menschen kämpfen und sterben werden.
Die Relevanz des Ortes für Daesh ist hingegen eher ein aktuelleres Phänomen, die Gründe aber klar ersichtlich. Abgesehen davon dass man dadurch natürlich wesentlich mehr Rekruten anzieht existieren auch wesentlich banalere Gründe: Es sollte selbstverständlich für derartige Sekten und Gruppen wie Daesh sein, dass sie liebend gerne ein Weltuntergangsszenario für ihre propagandistischen Zwecke nutzen, sowohl innen- als auch außenpolitisch. Laut islamischer Tradition gibt es auch kleinere Zeichen für den Qiyamah, darunter Korruption in der Wirtschaft, Alkoholismus, exorbitante Preissteigerungen, Hedonismus und der Umgang mit verschiedenen Sexualitäten und -praktiken, z.B. Homosexualität. All dies wird als grundsätzlicher Werteverfall bewertet und damit auch vor allem im Hinblick auf Muslime im Westen ein Zeichen für den bevorstehenden Qiyamah.
Die Unruhen im Levante in Form des Syrischen Stellvertreterkrieges sind ebenfalls eine Bestätigung der Prophezeiung, die tyrannische Figur des „Sufyani“ kann je nach Interpretation in Bashar al-Assad wiedergefunden werden. Hinzu glauben viele Mitglieder daran, die muslimische Armee zu sein, die sowohl gegen den Antichristen als auch gegen die „römische Armee“ erfolgreich zu sein. Dementsprechend hohe Freude entwickelte sich auch bei der türkischen Intervention, da angeblich die römische Armee aus 80 Nationen besteht und Türkei nun mal Heimat von Istanbul/Konstantinopel ist.
Der Kontext der römischen Armee ist aus moderner Sichtweise hingegen schwierig, man könnte es grundlegend als Interpretation für den Westen deuten.
Daraus resultierend scheint es nur logisch, für Daesh sowohl in den Endzeiten zu leben als auch diese Offensichtlichkeit propagandistisch auszunutzen.
Am 16. Oktober 2016 verlor Daesh Dabiq bei minimalen Kämpfen an die Opposition. Die von der Türkei angeführte Koalition des „Euphrates Shield“ besteht primär aus sunnitischen Turkmenen und Arabern. Die Medien des Islamischen Staates sagen, dass die entschiedene Schlacht um Dabiq erst später anbrechen wird.
Advertisements