Brutale Kämpfe in Hama dauern an

 

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Die vor 5 Tagen gestartete Offensive in Nord-Hama hat in seiner Intensität nicht abgenommen und konnte bisher enorme Territorialgewinne für die islamistische Opposition verbuchen. Die Frontlinie verläuft derzeit fast 10km von der fünftgrößten Stadt Syriens Hama entfernt, welche seit 2011 unter der Kontrolle der syrischen Regierung ist. Nord-Hama bietet sich für Offensiven an, da die dort stationierten NDF-Milizen  eine äußerst schlechte Ausbildung besitzen und zumeist vor den Kämpfen fliehen. Daraus resultierend startet die Opposition jedes Jahr eine Offensive, die aber letzten Endes größtenteils immer zurückgeworfen wird.

Die ersten Tage begannen mit einer Blitzoffensive auf die an der Front liegenden Städte: Schwere Kämpfe in Souran und Kawkab dauerten bis in die Nacht hinein an, letzten Endes konnten die Ortschaften aber problemlos erobert werden. Wie inzwischen üblich begann man die Offensive mit schwerem Artilleriebeschuss und 2 Selbstmordattentätern (SVBIED), die für die größten Verluste sorgten und Löcher in den Verteidigungspositionen aufriss. Diese wurden dann geschickt ausgenutzt und die Moral der Soldaten gebrochen. Kurz nach dem Fall von Souran konnte man die umliegenden Städte (u.a. Ma’ardes) ebenfalls unter seine Kontrolle bringen. Nach Angaben von Tahrir al-Sham (ehemals bekannt als Jabhat Fateh al-Sham, oder Jabhat al-Nusra) handelte es sich bei den zwei Städten um die Hauptverteidigungslinie der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) bzw. NDF, Milizen die dazu dienen ihre Heimatorte zu verteidigen.

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Eroberter T-72 in Hama

Aufgrund der derartig schnellen Eroberungen fuhr fälschlicherweise ein Kommandant der SAA nach Souran in der Annahme, die Stadt sei immer noch von der Armee gehalten. Er und zwei weitere Soldaten wurden dabei umgebracht. Insgesamt erwiesen sich die ersten 24 Stunden als äußerst erfolgreich: 15 Ortschaften konnten erobert werden, darunter Souran, Ma’ardes, Kawkab, Iskandariyah, al-Hijama, Qasshash, Sabahy und Irzah. Ausdruck dieses Erfolges war auch nach eigenen Angaben die Eroberung von 4 Panzern und mehreren gepanzerten Fahrzeugen, die durch den schlagartigen Rückzug hinterlassen wurden. Außerdem begann man mit dem Raketenbeschuss des Militärflughafens in Hama, um Luftunterstützung entscheidend zu schwächen.

Die darauf folgenden Tage verliefen nach dem selben Muster: Die Opposition unter Führung von Tahrir al-Sham attackiert verschiedene Dörfer (teilweise auch mithilfe von weiteren Selbstmordattenätern), die dortigen NDF-Milizionäre ziehen sich kurz darauf zurück. Letzten Endes konnte man bis Arzeh vordringen und bisher erfolgreich halten. Das weiter nordwestlich gelegene Khattab (nicht zu verwechseln mit Kawkab) war nochmal ein besonderer Verlust, besonders da die Stadt von Christen dominiert wurde und danach eine Massenflucht einsetzte. Insgesamt ist die Region um Hama von religiösen und ethnischen Minderheiten dominiert, z.B. Schiiten, Alawiten und Christen fliehen vor drohenden, religiösen Säuberungen der Opposition.

Weiter westlich starteten andere Teile der Opposition unter der Führung von Ahrar al-Sham eine Offensive auf Kernaz, die aber sehr schnell an Tell Sakr und Brej beendet wurde und etwa 25 Leben kostete. Ein Erfolg hätte die Front wesentlich erweitert und die SAA umso mehr unter Druck gesetzt.

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SAA-Verstärkung aus Homs

 

Die SAA saß über die gesamte Zeit  nicht tatenlos herum und konsolidierte seine Streitkräfte. Zwei Tage nach Anbeginn des Angriffes versammelten sich große Sektionen von verschiedenen, regierungsunterstützenden Gruppierungen in und um Nord-Hama. Die SAA schickte modernes Kriegsgerät (z.B. TOS-1) von Latakia, Ba’ath-Brigaden unter dem Kommando des 5th Corps aus Damaskus, Qalamoun Shield aus Palmyra und die legendären „Tiger Forces“ und Cheetah Forces unter dem Kommando von Suleil al-Hassan aus Aleppo. Wie sich dadurch erahnen lässt wurden auch viele Streitkräfte vom Kampf gegen Daesh abgezogen, welches eine erfolgreiche Bekämpfung des Islamischen Staates verhindert.

Diese Truppenzusammenlegungen konnten auch direkt Erfolge erzielen: Die strategisch äußerst wichtige und von vielen Personen als „für diese Offensive entscheidende“ Stadt Qumhana konnte bisher erfolgreich verteidigt und Angriffe zurückgeschlagen werden, nachdem Islamisten im Westen und Süden der Stadt vorgedrungen waren. Dies ist auch den dort beheimateten NDF-Einheiten zu verdanken, die eine rühmliche Ausnahme darstellen. Qumhana ist eine sunnitische Stadt, welche seit der Amtszeit von Hafez al-Assad die Assad-Familie unterstützt (und damit auch mehr pro-Assad als pro-Regierung sind). Aufgrund dessen leisteten die dortigen Familien erbitterten Widerstand. Bis heute dauern dort schwere Kämpfe an, die Oppositionellen sollen sich aber bis an den Stadtrand zurückgezogen haben. In den ersten drei Tagen sollen die getöteten Soldaten der SAA bei 64 liegen, eine verhältnismäßig niedrige Zahl.

Bis heute hat die Offensive an ihren Schwung verloren, an wenigen Orten konnte sie gar zurückgeworfen werden (Kawkab und Maarzaf). Nichtsdestotrotz ist die Lage weiterhin kritisch, die Armee leidet unter nicht zu verachteten Materialverlusten. Ein Status Quo ohne Rückeroberung würde der Opposition in die Hände spielen, die damit immer näher an die Stadt Hama herandringt. Auf der anderen Seite gab es eine derartige Situation bereits 2014, letzten Endes konnte die Offensive also vollständig zurückgeschlagen werden.

Auf Seiten der Opposition ist Tahrir al-Sham die antreibende Kraft. Diese wird unterstützt von Jaish al-Izza, Jaysh al-Nasr, Ajnad al-Sham, Ajnad al-Kavkaz, Turkmen Islamic Party, Ahrar al-Sham, Faylaq al-Sham und Free Idlib Army (FSA).

Auf Seiten der Regierung sind hingegen die Syrisch-Arabische Armee, Qalamoun Shield Forces, Harakat al-Nujaba, NDF, Ba’ath-Brigaden, Tiger Forces, Cheetah Forces, Leopard Homs und Revolutionsgarden präsent. Hisbollah erklärte ihre Bereitschaft, könnte als zukünftig ebenfalls dazu stoßen.

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