Al-Qaida könnte türkischen Grenzübergang erobern | Oppositionsinterne Kämpfe gehen weiter

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Free Idlib Army erhält Kafrnabel von Tahrir al-Sham als diplomatischer Vermittler

Die Kämpfe zwischen den zwei größten und islamistischen Oppositionsgruppierungen Ahrar al-Sham und Tahrir al-Sham dauern nun inzwischen seit drei Tagen in den Provinzen Idlib und Aleppo an. Die Kämpfe stellen derzeit eine Art „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“ da, deren Ausgang derzeit von Tahrir al-Sham dominiert wird. Großes Ziel scheint die Eroberung des einzigen türkischen Grenzüberganges der Opposition Bab al-Hawa zu sein.

Am Donnerstag kam es zu vielen Gebietsveränderungen, aber auch fraktionsinterne Proteste gegen die Kämpfe. Tahrir al-Sham eroberte al-Isqat, al-Abideen, al-Aqrabat, Zerdna, Atmeh imd dem Berg Babsiqa, der den Grenzübergang überblickt. Allesamt befinden sich die Orte im Umkreis der syrisch-türkischen Grenze. Das am Mittwoch eroberte Dorf Saraqeb wurde aufgegeben, nachdem die Bevölkerung dagegen protestiert hatte. Ahrar al-Sham selber eroberte nur Malaat al-Madiq in Nord-Hama. Gefechte finden nun beim Grenzübergang, bei Harim und nahe dem Flüchtlingslager von Atmeh statt.

Wesentlich spannender sind die Spaltungen auf beiden Seiten, wo einzelne Gruppen aus Protest gegen die Kämpfe und anderen Gründen sich abspalteten. Von Tahrir al-Sham spaltete sich nur Nour al-Din al-Zenki und Quwa al-Markaziyah ab, die sich vor einem Jahr dem Vorgänger Jabhat Fateh al-Sham anschloss. Al-Zenki ist für die lebendige Enthauptung eines 12-jährigen Kindes in Aleppo bekannt geworden und genoss zuvor amerikanische Unterstützung. Gründe waren neben den Kämpfen das Ignorieren der diplomatischen Rolle eines Fatwa-Komitees und des Juristen Abdul Razzaq al-Mahdi.

Ahrar al-Sham verließen hingegen mehrere Gruppen, die dennoch teilweise nur sehr klein sind. Darunter fallen Katibat Abu Mariyan, Liwa Usud al-Islam, Liwa Ahlu Sunnah, Katibat Fajr al-Islam, Saraya al-Farouq, Ghuraba al-Sham, Liwa al-Hijrah und Liwa al-Badia. Auch ist der Ahrar-Funktionär in der vorgestern eroberten Stadt Dana Jamil Yusuf Najjar übergelaufen.

Die Türkei versucht derweil, das Gleichgewicht wieder zugunsten von Ahrar al-Sham beeinflussen zu können. Nachdem man bereits den Grenzübergang vor einigen Tagen geschlossen hat scheint man ihn weiterhin für Truppen der türkischen Operation „Euphrates Shield“ geöffnet zu haben. Berichten zufolge erschienen bereits erste Brigaden vor Ort, nachdem sie von Nord-Aleppo verlegt wurden. Angeblich möchte man über 5000 Mitglieder nach Idlib schicken, die Zahl wird aber wahrscheinlich eher bei rund 500 liegen. Viele Mitglieder von Ahrar al-Sham werden in türkischen Krankenhäusern behandelt.

Außerdem soll es ein großer Gefängnisausbruch von 900 Gefangenen gekommen sein, darunter waren viele Schläferzellen des Islamischen Staates. Erst vor kurzem kam es zu einer größeren Razzia gegen ebendiese in Idlib, die immer wieder Zivilisten und Kämpfer mithilfe von Selbstmordattentätern töteten. Angeblich wurde auch der militärische und faktische Anführer von Tahrir al-Sham Mohammed al-Joulani bei einem Überfall auf seinen Konvoi leicht verletzt.

Eskalationen zwischen den beiden einst traditionellen Verbündeten (es gab sogar Verhandlungen über eine Vereinigung) sind nichts ungewöhnliches, besonders in Zeiten der Waffenruhe und damit ohne einen gemeinsamen Gegner. Inzwischen kämpfen beide Seiten über die Herrschaft von Idlib, Tahrir al-Sham wählte sogar strategisch den ehemaligen, internationalen Pressesprecher von Ahrar al-Sham Abu Jaber Shaykh zum Anführer (Emir). Dennoch ist die derzeitige Intensität ungewöhnlich, zuvor wurde noch nie derartig schwere Waffen eingesetzt und über ganz Idlib gekämpft.

Tahrir al-Sham und Ahrar al-Sham können beide Beziehungen zu al-Qaida aufweisen. Während Tahrir al-Sham (ehemals bekannt als al-Nura und Jabhat Fateh al-Sham) den offiziellen Ableger bzw. die offizielle Abspaltung ebendieser darstellt, sind die Beziehungen bei Ahrar al-Sham wesentlich versteckter. Der Mitbegründer Abu Khalid al-Suri z.B. war ein enger Freund von Osama bin Laden. Ohnehin durchlebt Ahrar al-Sham derzeit einen Imagewechsel hin zu einer „moderateren“ Position, z.B. legitimierte man die Verwendung der FSA-Flagge und deren Einbeziehung ins Logo. In al-Arateb sollen sie bereits angeblich mehrere Fahnen der FSA gehisst haben.

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