IS hält seit über 2 Monaten philippinische Großstadt

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In der südphilippinischen Großstadt Mirawa dauern nun seit über zwei Monaten schwere Kämpfe zwischen der philippinischen Armee und dem „Islamischen Staat in Lanao“ an. Der IS konnte weite Teile der inzwischen fast völlig verlassenen Stadt halten, die philippinischen Streitkräfte scheinen trotz der Unterstützung der USA und Chinas gegen eine Wand zu laufen, beide Seiten sollen Hunderte an Toten zu beklagen haben. Und es ist bei weitem kein Ende der Kämpfe in Sicht.

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte findet die deutlichsten Worte für das Geschehen in Marawi, laut ihm waren alle Parteien auf einen derart organisierten und effektiven Gegner nicht vorbereitet. Duterte sieht ein Ende der Kämpfe erst in einem Jahr. Die Fakten auf dem Schlachtfeld sind der simpelste Ausdruck seiner Aussagen: Hunderte IS-Kämpfer kontrollieren seit dem 23. Mai rund 50% der einst 200.000 Einwohner zählenden Großstadt. Trotz dem täglichen Einsatz der Luftwaffe und Artillerie hält sich der Islamische Staat in seinen Ruinen östlich der Kanäle, die die Stadt in drei Teile teilt. Insgesamt soll man rund 860 Gebäude kontrollieren.

Die Kämpfe scheinen sich in der letzten Zeit intensiviert zu haben, besonders der 25. Juli war der bisher wohl blutigste Tag für die philippinische Armee. Laut den Berichten der semioffiziellen IS-Nachrichtenagentur AMAQ starben insgesamt 25 Soldaten. Neun sollen durch eine Granate getötet worden sein. Weitere neun Soldaten wurden in brutalen Kämpfen im Ballang-Bezirk umgebracht. Im Viertel Lilloud Madia wurden außerdem noch sieben Soldaten ermordet, nachdem sie eine Mine auslösten. Hinzu kommen zwei zerstörte Panzerfahrzeuge. Doch die Verluste entstehen nicht nur durch den Gegner, auch unkoordinierte Luftschläge töteten bisher insgesamt zwölf Soldaten, wie ein Pressesprecher des Verteidigungsministeriums öffentlich zugab.

Auch wenn die Zahlen, wie bei AMAQ üblich, äußerst inflationär gehalten sind ist ein ganz klarer Trend erkennbar. Offizielle Zahlen der philippinischen Streitkräfte sprechen von insgesamt 110 eigenen Verluste im Vergleich zu 420 getöteten IS-Kämpfern. Hinzu kommen laut eigenen Angaben 14 weitere Soldaten und Offiziere auf der Insel Jolo Sulu im Südwesten des Landes, die bei einem Überfall umgebracht wurden.

Aber auch viele Zivilisten wurden getötet, nach bisherigen Angaben rund 100, Hunderttausende sind auf der Flucht in umliegende Regionen. Die philippinische Armee hat Kontrollpunkte und Straßensperren um die Stadt aufgebaut, um den IS-Kämpfern keine Fluchtmöglichkeit zu geben und Flüchtende zu untersuchen. 2.000 Zivilisten sollen weiterhin in den umkämpften Gebieten leben, wo ihnen keine Möglichkeit zur Flucht gegeben ist und die Meisten ebenfalls als Geiseln genommen werden, darunter ein Priester der inzwischen niedergebrannten Kirche. Das erste Video wurde der Zerstörung der Kirche gewidmet, Schlaghämmer wurden gegen Altäre und Statuen von Jesus eingesetzt.

Besonders die christliche Minderheit hatte unter dem Angriff zu leiden, erst vor wenigen Tagen wurden erneut sieben Leichen von Christen unter einer Brücke gefunden, die scheinbar von IS-Kämpfern absichtlich ertränkt wurden. Wie zu Beginn im Irak mussten gefangen genommene Zivilisten Verse aus dem Koran auswendig vortragen, ansonsten wurden sie umgebracht. Einige Geflohene sprechen auch von Luftschlägen, die viele Zivilisten töteten.

 

Ohnehin befinden sich die verbliebenen Menschen zwischen dem Kreuzfeuer der beiden Fraktionen in einer lebensgefährlichen Lage, die durch äußerst fragwürdige Aussagen von Duterte befeuert werden. Neben seinen „Witzen“ über das Ignorieren von Vergewaltigungen durch die Armee drohte bzw. gab er eher damit an, die Stadt innerhalb von 24 Stunden durch Flächenbombardements zurückerobern zu können und dabei das Leben von Zivilisten zu ignorieren. Derartige Messages sind gefährlich und können am Ende zur Radikalisierung beitragen.

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Auch wenn die Kämpfe und das verhangene Kriegsrecht regional begrenzt sind, betrifft ergreift die Angst vor einem landesweiten Kriegsrecht die ganzen Phillipinen: Große Teile der Bevölkerung sehen die vorherige Diktatur von Ferdinand Marco, der in weiten Teilen seiner Regierungszeit mithilfe des Kriegsrechtes schalten und walten konnte und sowohl Demokraten als auch Sozialisten festnahm, folterte und tötete, als dunklen Schatten. Auch wenn die neue Verfassung wichtige Verteidigungsmechanismen besitzt, kann diese Sorge bisher noch nicht genommen werden. Immerhin zog Duterte aufgrund öffentliches Druckes die Aussage zurück, möglicherweise das Kriegsrecht auf das ganze Land auszuweiten.

 

Duterte bat den maoistischen Rebellen der New People’s Army (NPA) und der muslimischen Separatisten (Moro Islamic Liberation Front, MILF; Moro National Liberation Front, MNLF) an, sich dem Kampf gegen den Islamischen Staat anzuschließen.  „Ich werde euch als Soldaten anheuern – gleicher Sold, gleiche Privilegien, und ich werde für euch Häuser in einigen Gebieten bauen“, sagte Duterte in einer Rede. Einen Tag später erklärte zumindest ein Vertreter der NPA die Bereitschaft der Gruppe, sich einem „gemeinsamen Feind“ anzuschließen, dessen „vorrangiges Ziel die Ermordung von Zivilisten“ ist. Die MNLF versicherte am Dienstag ebenfalls ihre Bereitschaft, mehrere hundert ihrer angeblich 5000 Kämpfer nach Marawi zu schicken. Bisher schienen es aber noch zu keinen Kämpfen unter Beteiligung dieser Gruppen gekommen zu sein.

Beide Seiten genießen die Unterstützung internationaler Gruppen. Seit der vierten Wochen fliegt die USA Luftangriffe und betreibt Aufklärung. In einem stolz verkündeten Propagandavideo erzählt und zeigt man amerikanische Jets, die über der Stadt fliegen, die als „Kreuzfahrer“ bezeichnet werden. Die Volksrepublik China bemüht sich hingegen eher um eine logistische Unterstützung, sowohl Waffen als auch Munition wurden geliefert. Australien schickte zwei Aufklärungsflugzeuge und die Philippinen üben mit den Nachbarländern gemeinsame Operationen.

Der IS hingegen kann auf ausländische Kämpfer hoffen, insbesondere aus Indonesien und Malaysia. Aber auch Kämpfer aus dem Nahen Osten stehen auf der Liste, z.B. sollen laut Geheimdienstberichten einige Bürger aus Saudi-Arabien in den Philippinen aktiv sein. Diese bringen das Know-How des „originalen“ Islamischen Staates mit sich, den Einsatz von improvisierten Sprengstoffen und Panzerabwehrwaffen. Je länger die Kämpfe andauern werden, desto höher ist die Anziehungskraft und die Medienkanäle des IS verfügen über die Möglichkeit, immer neue Propaganda zu produzieren.

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Oben: 29. Mai – Unten: 14. Juli

Die islamistischen Gruppierungen Maute, Abu Sayyaf und weitere kleine Splittergruppen vereinten sich Ende 2016 zum „Islamischen Staat in Lanao“ und wurden damit Teil des Islamischen Staates. Alle Gruppen mussten dem derzeitigen Emir Ismilon Hapilon die Treue schwören, welches zuvor Anführer von Abu Sayyaf war und vom IS direkt als Vertreter („Emir“) in Südostasien ernannt wurde. Besonders die Maute-Gruppe erklärte ihr Bündnis zum IS bereits 2014, wodurch sie die Ideologie und Rhetorik übernahmen. Dennoch war die Radikalisierung eine langsame Entwicklung. 2015 exekutierte man zwei Christen in einem Video, welches 1:1 denen des IS ähnelten.

Erste Berichte von einem Angriff auf die Stadt gab es am 23. Mai, erstes Ziel war das Amai Pakpak-Krankenhaus, um die eigenen Verletzten zu versorgen. Der philippinische Präsident Duterte erklärt während einer Reise nach Russland das Kriegsrecht in der Provinz Mindanao, wo sich auch Marawi befindet. Angeblich soll der IS in Lanao nicht mehr als 500 Mitglieder besitzen, in der Operation involviert sollen 100-250 Mitglieder gewesen sein. Das Debakel erinnert an Mossul, wo Zehntausende Soldaten und Polizisten vor nur einigen hundert Kämpfern flohen, wobei in den Philippinen früh genug dagegen vorgegangen wurde. Dennoch wird diese neue Machtdemonstration der Rekrutierung für den IS helfen, sowohl auf den Philippinen als auch in anderen Ländern Asiens.

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