Türkei steht vor den Toren der Stadt Afrin

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Ein Kämpfer der „Hamza-Division“ überblickt die Stadt Afrin

über einem Monat dauert nun die türkische Operation „Olivenzweig“ in Syrien an, wo die türkische Armee mit verbündeten Oppositionsgruppen (TFSA) gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bzw. amerikanisch unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) vorgeht und dabei versucht, die Kurden aus der syrisch-türkischen Grenzregion zu vertreiben. Unaufhaltsam scheint inzwischen der Vorstoß der türkischen Armee in Afrin, Tag für Tag können ohne großen Widerstand mehrere Dörfer von der YPG erobert werden. Nur noch wenige Kilometer trennen die türkische Armee vom primären Ziel, die Großstadt Afrin. Die Kurden sind dieser Übermacht hilflos ausgesetzt, insofern sie nicht Beziehungen zur syrischen Regierung aufnehmen wollen. Inzwischen ist es nicht mehr eine Frage des „Ob“, sondern Eine des „Wann“, bis sich Afrin unter der Kontrolle der türkischen Armee befinden wird.

Die Bombardierungen und Artillerieschläge nähern sich immer weiter der Stadt Afrin an, mit knapp 40.000 Einwohnern die größte Stadt in der Region und das Zentrum der YPG-Aktivitäten im gleichnamigen Kanton. Einheiten der türkischen Streitkräfte und der Opposition stehen nördlich nur noch zwei Kilometer vom Ortseingang entfernt und konnten bereits die Getreidesilos erobern. Im Westen porträtieren sich Kämpfer von verschiedenen Milizen auf dem Khalidiya-Berg, von dem man den gesamten Ort überblicken kann. Im Süden sieht die Situation für die Kurden ähnlich dystopisch aus, vom neulich eroberten Dorf Bablyat sind es lediglich fünf Kilometer bis Afrin. Dieser Vorstoß entlang des Afrin-Tals erinnert an einen typischen Zangenangriff mit dem Ziel, Afrin und umliegende Gebiete zu isolieren und somit zur Aufgabe zu zwingen. Bereits heute gibt es nur noch einen schmalen Korridor für Zivilisten, die derzeit zu Tausenden vor den Gefechten fliehen.

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Militärische Situation in Afrin, Lila sind die am 11. März neu eroberten Territorien

Die militärische Lage scheint aussichtslos für die verbliebenen YPG-Kämpfer, Freiwilligen aus internationalen kommunistischen Verbänden und ehemaligen FSA-Gruppierungen wie „Jaish al-Thuwar“, die erst kürzlich Hunderte Soldaten an Verstärkung schickten. Während man in den ersten Tagen begünstigt durch das schlechte Wetter die türkische Armee größtenteils aufhalten konnten und erhebliche Verluste erleiden musste scheinen die durch Luftangriffe und Artillerie verursachten Verluste auf eigener Seite zu immens zu sein, um die vorrückenden Truppen aufzuhalten, wodurch inzwischen durchschnittlich 15 Dörfer am Tag fallen.

In der Stadt Afrin macht sich währenddessen eine Panik breit, die von den Bombardements in der Stadt nur bestärkt werden. Demnach starben über 200 Zivilisten im Verlaufe der letzten Wochen. Tausende flüchten aus der Stadt in Richtung Aleppo und Manbij oder halten sich derzeit in notdürftig errichtete Flüchtlingslager bei Afrin auf. Die Situation hat sich für die Zivilisten erheblich verschlechtert, nachdem die Wasser- und Stromversorgung nach der Eroberung der Meydankay-Staudammes stark eingeschränkt ist. Im Falle eines Bodenangriffes auf die Stadt sind brutale Häuserkämpfe zu erwarten, wobei Zivilisten die Leidtragenden sein werden. Wahrscheinlich wird dort die YPG ihren letzten Stand unternehmen, da ansonsten die wichtigsten Gebiete verloren sein werden. Zuvor sind sie aus anderen Städten wie Rajo oder Jinderes ohne großen Widerstand geflohen sind.

Ansässige Medien sprechen bei der Bevölkerung von einer Angst eines bevorstehenden Genozids, auch wenn derartige Geschehnisse sich (noch) nicht in Afrin ereignet haben. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass diese Operation die Vertreibung Zehntausender Kurden zur Folge hat und der türkische Präsident Erdogan versprach, Hunderttausende arabische Flüchtlinge in diesen Gebieten anzusiedeln, was einen völligen Demographieaustausch bedeuten würde. Pro-kurdische Medien sprechen währenddessen von „menschlichen Schutzschilden“-Aktionen der Einwohner, um die Volksverteidigungseinheiten zu unterstützen.  Demnach erreichten Autokolonnen die Stadt und riefen die Bevölkerung dazu auf, in Afrin zu verweilen mit dem Ziel, türkische Luftschläge zu unterbinden.

Russland und Verbündete der syrischen Regierung haben sich inzwischen wieder von Afrin bzw. Tel Rifaat zurückgezogen, nachdem sie vor etwa zwei Wochen erstmals wieder Einheiten entsandt hatten. Seitens Syriens wurden vor allem schiitische Milizen wie Liwa al-Baqir geschickt, die dem Dachverband der „National Defence Forces“ angehören. Die involvierten Kämpfer stammen vor allem aus den benachbarten Städten Nubl und Zaahra. Bis 2016 waren beide Orte von der Opposition belagert, nur von Afrins Seite kam es zu einem regen Handel und Schmuggel von Waren über die Grenze. Dafür scheinen sie sich nun mit militärischer Unterstützung zu revanchieren. Dessen Präsenz konnte aber konnte das Gleichgewicht nicht zugunsten der YPG kippen und letzten Endes wird der Tod von über 60 Kämpfern als „sinnlos“ gewertet.

Die politische Führung Afrins muss sich nun zunehmend mit der Kritik auseinandersetzen, dass ein solch hilfloses Unterfangen wie eine erfolgreiche Verteidigung des Kantons reines Wunschdenken ist und am Ende unnötig das Leben von Zivilisten und Soldaten kosten wird. Besonders kritisch ist der Widerwillen gegenüber der syrischen Regierung, die mehrmals zugunsten dem Wegfall politischer Autonomie und Unabhängigkeit den Schutz unter der syrischen Armee angeboten hat. Nun muss man mit der einzigen Alternative leben: Ein Leben unter der Kutte Erdogans und seinen syrischen Söldnern, bekannt für Korruption, Disziplinlosigkeit und ihrem Islamismus.

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