Afrin vor dem Fall

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Kämpfer der Hamza-Division zeigt auf den westlichen Stadteingang von Afrin

Fast zwei Monate dauert nun die türkische Operation „Olivenzweig“ in Syrien an, wo die türkische Armee mit verbündeten Oppositionsgruppen (TFSA) gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bzw. amerikanisch unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) vorgeht und dabei versucht, die Kurden aus der syrisch-türkischen Grenzregion zu vertreiben. Unaufhaltsam ist inzwischen der Vorstoß der türkischen Armee in Afrin, Tag für Tag können ohne großen Widerstand mehrere Dörfer von der YPG erobert werden. Die letzte kurdische Hochburg befindet sich von zwei Seiten umgeben, einzig ein schmaler Korridor zur Flucht bleibt der geschundenen Bevölkerung als Ausweg. Die Kurden sind dieser Übermacht hilflos ausgesetzt.  Inzwischen ist es nicht mehr eine Frage des „Ob“, sondern Eine des „Wann“, bis sich Afrin unter der Kontrolle der türkischen Armee befinden wird.

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Nur noch ein zwei Kilometer breiter und 18 Kilometer langer Korridor stellt die letzte Fluchtmöglichkeit für Zivilisten und Kämpfer gleichermaßen dar, die aus der Afrin-Region unter der Kontrolle der YPG vor den anrückenden türkischen Truppen fliehen möchte. Mitten in diesem Korridor liegt die gleichnamige „Hauptstadt“ des Kantons, die nun zur neuen Zielscheibe der Operation „Olivenzweig“ sein wird und ihre Eroberung eine vollkommene Kapitulation der Kurden bedeuten würde. Die mit der Türkei verbündeten Oppositionsgruppierungen der TFSA konnten alle umliegende Hügel und strategisch wichtigen Orte sichern, am Samstag begann ein erster Angriff auf den Westteil der Stadt, wobei man bereits erste Erfolge wie die Eroberung des Gefängnisses verzeichnen konnte. Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Verbliebenen in Afrin, vor dem Krieg besaß der Ort 40.000 Einwohner, in Folge des Konfliktes und ihrer Darstellung als „Stabilitätsoase“ kann sich die Anzahl auf bis zu 100.000 erhöht haben.

Auch in anderen Teilen von Afrin konnten die Islamisten und Söldner beeindruckende Gewinne erzielen, was wohl vor allem auf die inzwischen kaum existente Verteidigung der Volksverteidigungseinheiten zurückzuführen ist. Im Durchschnitt werden am Tag 15 Dörfer erobert, die Meisten in dem (mit der Ausnahme des Korridors) eingeschlossenen Gebiet von Jabal al-Kurd und vom Berg al-Jabaliyah. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich dort alle Dörfer ohne erwähnenswerten Widerstand unter der Kontrolle der Türkei befinden werden.

Auch die Intervention seitens der syrischen Regierung konnte an der militärischen Gesamtsituation nicht viel ändern, zuletzt starben über 80 Kämpfer von schiitischen Milizen aus den benachbarten Städten Nubl und Zaahra. Bis 2016 waren beide Orte von der Opposition belagert, nur von Afrins Seite kam es zu einem regen Handel und Schmuggel von Waren über die Grenze. Dafür scheinen sie sich nun mit militärischer Unterstützung zu revanchieren. Am Mittwoch traf ein türkischer Luftschlag ebenso Verteidigungspositionen in diesen erwähnten Städten, was wiederum mit dem Einsatz von Artillerie auf türkisch unterstützte Rebellen vergolten wurde. Bei diesem Luftangriff starben acht Soldaten.

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Ziviler Konvoi an Flüchtlingen die sich in Richtung Aleppo bewegen

Bei den türkischen Bombardierungen leiden vor allem die Zehntausende an Zivilisten, die sich derzeit in der Stadt aufhalten. Die meisten Menschen, schätzungsweise bis zu 200.000 Personen, nutzten den Südkorridor zur Flucht, Andere verharren weiterhin in dem Ort, welcher immer stärker werdenden Artillerie- und Luftangriffen ausgesetzt. Vor einem Tag soll das einzige Krankenhaus von der türkischen Luftwaffe angegriffen und beschädigt sein sollen, wobei bis zu zehn Zivilisten starben. Das Rote Kreuz bestätigte diese Darstellung. Am Tag darauf veröffentlichte das türkische Verteidigungsministerium aber eine Drohnenaufnahme, die das angebliche Krankenhaus völlig intakt zeigt. Dennoch scheinen derzeitige Beweise eher dafür zu sprechen, dass es sich bei dem Krankenhaus um den gelben Gebäudekomplex weiter östlich handelt, welcher ebenfalls im Video zu sehen war. In später veröffentlichten Bildern zeigt sich sogar ein direkter Treffer auf eine Ecke des Gebäudes, was wohl die kurdischen Angaben bestätigt.

Außerdem beschuldigt die türkische Regierung die YPG, dass sie Zivilisten gewaltsam in der Stadt festhalten würde. Zur Bestätigung dieser Behauptung wurden ebenfalls mehrere Drohnenaufnahmen veröffentlicht, die diesen Prozess zeigen sollen. Aus den Aufnahmen alleine lässt sich diese Darstellung aber nicht bestätigen und zudem bleibt die Frage, wieso sie dann dennoch die Flucht von Hunderttausenden Menschen nicht aufhielt. Der Afrin-Konflikt ist erneut ein Beispiel für die Deutungshoheit, die beide Seiten versuchen durch Propaganda zu erringen.

In anderen Teilen der Stadt ist die Anomie ausgebrochen, mehrere Gebäude und Läden wurden aus bisher unbekannten Grund in Brand gesteckt und nachdem ein Großteil der YPG-Kämpfer geflohen sind wurden ihre Hauptquartiere gestürmt und ausgeplündert, vor allem nach Lebensmitteln wurde gesucht. Ebenso wurden mehrere Fahrzeuge angezündet. Damit scheinen die Volksverteidigungseinheiten selber mehr keinen Sinn in einer Verteidigung zu sehen, die ohnehin sinnlos ist.

Die politische Führung Afrins muss sich nun zunehmend mit der Kritik auseinandersetzen, dass ein solch hilfloses Unterfangen wie eine erfolgreiche Verteidigung des Kantons reines Wunschdenken ist und am Ende unnötig das Leben von Zivilisten und Soldaten kosten wird. Besonders kritisch ist der Widerwillen gegenüber der syrischen Regierung, die mehrmals zugunsten dem Wegfall politischer Autonomie und Unabhängigkeit den Schutz unter der syrischen Armee angeboten hat. Nun muss man mit der einzigen Alternative leben: Ein Leben unter der Kutte Erdogans und seinen syrischen Söldnern, bekannt für Korruption, Disziplinlosigkeit und ihrem Islamismus.

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