Wie der IS von der türkischen Offensive profitiert

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Im Kerngebiet der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) brodelt es, fernab der Frontlinien zur neulich begonnenen Militäroperation der Türkei kommt es nun wieder vermehrt zu Attentaten und Angriffen des Islamischen Staates auf militärische Ziele, die Gefahr eines „Wiederauferstehenden IS“ ist akut. Zwar konnte die YPG bzw. SDF die Situation durch erfolgreiche Anti-Terror-Operationen mit amerikanischer Unterstützung entschärfen und viele Schläferzellen zerstören, jedoch finden sich gerade im Osten des eigenen Territoriums immer noch große Sympathien für die Islamisten. Dank der türkischen Großoffensive scheint die Gefahr vor einem erneuten Aufstieges des Islamischen Staates ein sekundäres Problem für die Kurden zu sein. Bereits jetzt warnte man davor, dass die bis zu 12.000 gefangenen IS-Kämpfer und 50.000 Familienmitglieder kaum zu bewältigen sind.

Bereits am ersten Tag der türkischen Offensive starteten Schläferzellen des Islamischen Staates einen überraschenden Angriff auf die größte Stadt im SDF-Territorium namens Raqqah, bei dem man versuchte, ein Hauptquartier der örtlichen Milizen und Polizeistreitkräfte im Zentrum zu überfallen und setzte dabei mehrere Dutzend Kämpfer ein. Der Angriff konnte zwar unter Verlusten abgewehrt werden, jedoch offenbart es die vielfältigen Kapazitäten des IS, über das die Terrormiliz im Norden Syriens verfügt. Außerdem wurden zwei SDF-Kämpfer bei einem Kontrollpunkt nahe der Stadt Hasakah getötet. Nach mehreren Artilerieangriffen nahe Qamishli flohen bereits Dutzende IS-Insassen, Tendenz steigend.

Auch außerhalb von Nordsyrien besitzt der Islamische Staat weiterhin eine Präsenz. Das unwirtliche Terrain der syrischen Wüste (Badya al-Sham) bietet über eine weite Fläche hinweg perfekten Rückzugsraum für die leicht beweglichen Guerillaeinheiten des verbliebenen IS. Von dort aus können sie problemlos Überfälle auf verschiedene Städte am Rande der Wüste oder die wichtigen Versorgungsstraßen durchführen, z.B. auf die einzige Straße, die die ostsyrische Provinzhauptstadt Deir ez-Zor mit Homs verbindet. So wurde in der vergangenen Woche ein Militärkonvoi der Miliz Liwa al-Quds nahe der Wüstenstadt Suknah angegriffen und erfolgreich zerstört. Insgesamt konnte die Terrormiliz mehrere Fahrzeuge erbeuten und mindestens zwei Kämpfer exekutieren.

Besonderes Kopfzerbrechen sorgen die Flüchtlings- und Gefangenenlager für Kämpfer des Islamischen Staates und ihre Familienanhänger. Im al-Hawl-Lager wenige Kilometer südlich der von der Türkei deklarierten „Sicherheitszone“ im Norden Syriens kommt es immer wieder zu Unruhen, die humanitäre Lage ist desaströs und die radikalen Gefangenen, allen voran Frauen von IS-Kämpfern, ermorden immer wieder SDF-Wärter und jene, die die radikale Ideologie der Terrormiliz ablehnen. Auf dieser Basis und im Schatten der türkischen Offensive wächst die Sorge, dass man Ausbruchsversuche von außen oder innen unternimmt. Immerhin hat der Islamische Staat Erfahrung darin, bei der Eroberung Westiraks oder der Übernahme der Millionenstadt Mossul im Jahre 2014 wurden über 1.000 Insassen befreit, die Meisten davon schlossen sich der Gruppierung an und waren Veteranen des Irakkrieges.