Kämpfe gehen in Nordsyrien weiter

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Syrische Einheiten nahe Kobane

Obwohl eigentlich Frieden in Nordsyrien nach der Stationierung der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) und der russischen Streitkräfte herrschen sollte, kommt es an vereinzelten Orten auch weiterhin zu Gefechten zwischen den kurdisch-arabischen „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) und der syrischen Armee auf der einen Seite und den von der Türkei unterstützten Islamisten, zusammengefasst unter dem Dachverband der „Syrischen Nationalarmee“ auf der anderen Seite. Zwar konnten sich Russland und die Türkei vor rund einer Woche auf eine Waffenruhe und die Bestätigung des Status Quo festlegen, jedoch scheint dieser Deal nicht im Interesse der Islamisten zu sein. Seitdem konnten sie mehrere Orte in der nordsyrischen Region erobern und Kriegsverbrechen verüben.

Südlich der syrischen Grenzstadt Ras al-Ayn kommt es zu besonders schweren Gefechten zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppierungen und SDF-Kämpfern. Die syrische Armee verwaltet dort in dem nahe gelegenen Ort Tel Tamr eine ehemals amerikanische Militärbasis und erhielt inzwischen sogar Panzer und weiteres schweres Kriegsgerät als Verstärkung. Dennoch konnte man vereint den Vorstoß der Islamisten nicht aufhalten, bis zu 30 Dörfer konnte die Nationalarmee südlich und östlich von Ras al-Ayn erobern und sogar die wichtige M4-Autobahn durchschneiden, die regelmäßig von russischen Einheiten patrouilliert wird und eigentlich als Demarkationslinie gilt. Nahe Tel Abyad zogen sich SDF-Einheiten friedlich aus 18 Dörfern zurück, die im Zuge der türkisch-russischen Vereinbarung an die Türkei übergeben werden.

Derweil mehren sich die Berichte in den neulich von Islamisten und der Türkei eroberten Gebieten, wo es zu Kriegsverbrechen kommt. Neben Raub kommt es zu Massenvertreibungen von Kurden, viele der gefangen genommenen Kämpfer werden exekutiert und/oder enthauptet, besonders die weiblichen YPJ-Kämpfer werden bedroht, vergewaltigt und ermordet. In der einst vergleichsweise stabilen und sicheren Region kam es sogar zu den ersten Anschlägen, in der Stadt Suluk nahe Tel Abyad detonierte eine Autobombe, die mehrere Personen und Kämpfer der radikalislamistischen Miliz Ahrar al-Sharqiya töteten. Der Urheber des Angriffes ist unbekannt, möglicherweise handelt es sich bereits um die ersten Guerillaoperationen der Kurden oder es waren Schläferzellen des Islamischen Staates. Es droht ein zweites Afrin-Szenario, wo korrupte Milizen gegenseitig auf dem Rücken der Bevölkerung um Macht buhlen, Ressourcen ausbeuten und die lokale Kultur unterdrücken.

Derzeit kontrolliert die Türkei weite Teile der Gebiete zwischen den Orten Tel Abyad und Ras al-Ayn, ein Landstrich welcher zwar landwirtschaftlich reich, aber dünn besiedelt ist. Bis zu 30 Kilometer bis an die M4-Autobahn konnten die Islamisten vorrücken, seitdem scheint es aber auch keine weiteren Offensiven zu geben. Auch in anderen Grenzabschnitten wie bei Qamishli oder Kobane wurden die Gefechte mit der Stationierung der syrischen und russischen Streitkräfte beendet. Sollte es zu keiner gemeinsamen Gegenoffensive der SDF und syrischen Armee kommen, so würde Erdogan letztendlich etwa 25% der von ihm erhofften Sicherheitszone in Syrien erhalten. Zumindest genügend, um in diesem Gebiet die türkischen Pläne des demographischen und ethnischen Wandels durch die Rückkehr Hunderttausender arabischer Flüchtlinge durchzusetzen.