Türkische Soldaten durch Islamisten in Syrien getötet

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Die türkische Armee wurde in der letzten, noch von islamistischen Gruppierungen gehaltenen Provinz Idlib von ebendiesen Aufständischen attackiert, nachdem sich die Türkei und Russland gemeinsam auf eine Demilitarisierung der Frontlinien einigte und der syrischen Regierung sämtliche neuen Gebietsgewinne (etwa die Hälfte von Idlib) zusprach. Noch eine Woche zuvor wurde die erste gemeinsame russisch-türkische Militärpatrouille entlang der „Demarkationslinie“ von Islamisten und Zivilisten blockiert, in dessen Bereich sämtliche radikalen Milizen sich zurückziehen sollen. Resultierend daraus starben beim Raketenangriff zwei türkische Soldaten, Weitere wurden verletzt. Damit ist die Türkei von jeder Fraktion im syrischen Konflikt attackiert worden, vom Islamischen Staat bis hin zu den eigenen Stellvertretern im Nordwesten des Landes.

Ziel war ein sogenannter türkischer „Observierungspunkt“ auf dem Berg al-Zawiyah nahe der Provinz Latakia. Diese vorgeschobenen Militärposten der türkischen Streitkräfte wurden damals errichtet, um die Waffenruhe in Zuge des Sotschi-Deals vor zwei Jahren zu überwachen, welcher aber nach längerer Zeit zusammenbrach und in der bis vor kurzem andauernden Idlib-Offensive des syrischen Militärs mündete. Zudem hatten diese Observierungspunkte den Zweck, den Einfluss der Türkei auf Idlib auszubauen, da sie Abhängigkeiten und eine militärische Präsenz für die Türkei gegenüber den Islamisten erzeugte.

Ausgeübt wurde die Tat durch Hurras al-Din, eine kleine Splittergruppe aus der mächtigsten Fraktion in Idlib, Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Jabhat Fateh al-Sham und al-Nusra und zudem ein wichtiger Verbündeter für die Türkei). Die mit al-Qaida in Beziehung stehende Miliz wäre vom neuen türkisch-russischen Deal betroffen, sich aus der rund sechs Kilometer breiten Zone rundum der M4-Autobahn zurückziehen, wodurch sie auch wichtige Kernterritorien verlieren würde. Gerade in Latakia bzw. der Region von Jisr al-Shughour sind dschihadistische Gruppen wie Hurras al-Din, die chinesische Turkestan-Partei oder andere tschetschenische oder usbekische Kämpfer präsent. Diese wären vom Abzug betroffen, welcher aber kategorisch von diesen Gruppierungen abgelehnt wird.

Das türkische Verteidigungsministerium selber vermeldet, das „Areal der Terroristen“ als Vergeltung attackiert zu haben, jedoch wurden keine näheren Details veröffentlicht.  Mit dieser Eskalation zeigt sich bereits früh, wie realitätsfern eine faktische Umsetzung der Waffenruhe wäre und sie letztendlich so enden würde, wie die Vorherigen: Im Scheitern. Als einziger Erfolg bisher gibt es zu verbuchen, dass ein türkisch-russischer Konvoi eine Patrouille erfolgreich abschließen konnte, trotz enormer Proteste und der Androhung von Angriffen.

Es gibt ohnehin wenig Hoffnung auf einen langfristigen Frieden, das hat Vergangenheit immer wieder gezeigt. Stattdessen werden Waffenruhen als Pausen von beiden Seiten genutzt, um sich neu zu gruppieren, Verstärkungen an die Frontlinien zu schaffen und neue Stellungen auszuheben. Teil der neuen demilitarisierten Zone ist ebenfalls die Region rundum Latakia und der Stadt Jisr al-Shughour, die inzwischen mehrheitlich von dschihadistischen Gruppierungen aus Tschetschenien, Degestan, Usbekistan oder der chinesischen Xianjiang-Provinz (Uiguren) beherrscht wird. Diese Gruppierungen sind nicht dafür bekannt, sich an zwischenstaatliche Vereinbarungen zu halten und werden alles unternehmen, um weiterhin ihren Dschihad in Syrien ausführen zu können. Dadurch erhält die syrische Regierung wiederum eine neue Legitimation, gegen die Opposition militärisch vorgehen zu können.

Der derzeitige Deal erinnert frappierend an all die Waffenruhen der vergangenen Jahre. So einigten sich Russland und die Türkei beispielsweise 2018 auf eine etwa 15 bis 20 Kilometer breite „demilitarisierte Zone“ entlang der Frontlinien in den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo. Diese Pufferzone soll eine militärische Eskalation der derzeitigen Situation in Idlib verhindern. Die Kontrolle sollten dann türkische und russische Patrouillen in einem Gebiet übernehmen, welches vom Latakia-Gebirge bis an die Großstadt Aleppo reichte. Heute ist das Ergebnis offensichtlich: Nach mehrfachen Brüchen und neuen Verhandlungsversuchen kontrolliert die syrische Armee die Hälfte der Provinz Idlib und die Provinz Aleppo inzwischen fast vollständig.