Pulverfass Beirut

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Für den Libanon war die verheerende Explosion im Hafen der Hauptstadt Beirut und die daraus resultierenden Schäden der neueste Katalysator für politische Proteste in der größten Stadt des levantinischen Landes. In der allgemeinen Wahrnehmung wird die Explosion der grassierenden Korruption innerhalb des Staatsapparates zugeschrieben, wodurch es überhaupt zur unsicheren Lagerung von 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat für mehrere Jahre kam. Damit schließt sich dieser Unmut der bereits bestehenden Protestbewegung an, die hauptsächlich aus jungen Enttäuschten besteht, die entweder aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit, der schweren Wirtschaftskrise im Land oder der alten verkrusteten Partei- und Clanstrukturen auf die Straße gehen und sich dadurch Reformen erhoffen. Am Samstag kam es bisher zum Höhepunkt, nachdem Demonstranten einen Großteil der Straßen kontrollierten und mehrere Ministerien besetzten.

Der Samstag markierte die bis dato größten Ausschreitungen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften, über das gesamte Areal der Hauptstadt Beirut verteilt kam es zu Straßendemonstrationen und Kämpfen. Einige Viertel wurden sogar vollständig lahmgelegt, allgemein geht man von etwa 100.000 Demonstranten aus. Auffällig dabei ist, dass diese Bewegung sich bisher nur auf die Hauptstadt beschränkt, in den anderen Großstädten des Landes herrscht der reguläre Alltag. Die Explosion, die die nördlichen Viertel der Stadt weitgehend verwüstete und etwa 1% der Gesamtbevölkerung tötete oder verletzte, gilt hier als der wohl größte Faktor dafür.

Über den Mittag und Nachmittag hinweg konnten die Demonstranten relativ ungestört protestieren, welches von ihnen umgehend genutzt wurde: Das Außenministerium war das erste Ziel der Demonstrationen und konnte widerstandslos besetzt werden, dicht darauf folgten das Umwelt-, Wirtschafts- und Energieministerium. Teilweise waren es rein symbolische Besetzungen, während z.B. das Umwelt- und Wirtschaftsministerium geplündert und in Brand gesteckt wurde. Ein ähnliches Schicksal ereilte dem Hauptquartier des libanesischen Verbunds der Banken, welches ausgeraubt wurde. Erst gegen Abend änderte sich die Situation, als die Polizeistreitkräfte und libanesische Armee in der Stadt postiert wurden.

Diese räumten viele Straßen und zentrale Anlagen wie den Märtyrerplatz und nutzten Tränengas aus französischer Produktion in exorbitanter Menge. Die Ministerien wurden durch die Stationierung mehrerer Armeeeinheiten „wiedererobert“, einige Demonstranten brutal zusammengeschlagen. Vereinzelt gab es sogar Berichte vom Einsatz scharfer Munition, jedoch existierend dafür nur ungenügende Beweise. Zudem soll es neben den regulären Kräften auch einige Undercover-Polizisten geben, die sich wie Zivilisten kleiden und vereinzelte Personen festnehmen. Insgesamt kam es bisher zu einer getöteten Person und 144 Verletzten. Bei dem Toten handelt es sich um einen Polizisten, welcher im „Le Gray Hotel“ von Demonstranten umzingelt und dann einen Fahrstuhlschacht hinunter geschubst wurde.

Zu den großen gemeinsamen Nenner jener, die sich derzeit auf die Straße begeben, ist der Abtritt der herrschenden Politiker, insbesondere Präsident Michel Aoun und Ministerpräsident Hassan Diab werden oft als Feindbilder inszeniert, teilweise sogar ihr Tod gewünscht. So wurden z.B. auf dem Märtyrerplatz mehrere Galgen errichtet, an denen Pappaufsteller von ihnen und vom Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah symbolisch erhängt wurden. Dabei scheint man vor keiner Partei Halt zu machen, jede Organisation steht unter dem Generalverdacht der Korruption. Wirkliche Reaktionen der Politik gab es bisher nicht, lediglich Diab verkündete, sich für vorgezogene Neuwahlen einzusetzen in der Hoffnung, die Situation zu beruhigen.

Die Explosion besitzt somit direkte politische Konsequenzen und reiht sich in den vielen Rückschlägen ein, die der Libanon erleben musste. Für viele Menschen wurde ihre Existenz zerstört, ihre Heimat und auch ihre eigenen Wohnungen sind teilweise schwer beschädigt. Der Hafen von Beirut ist die größte Hafenanlage des Landes und zugleich für die gesamte Region wirtschaftlich bedeutsam, ein Großteil des Imports wurde darüber abgewickelt, insbesondere nach dem Zusammenbruch des Lufttransports durch Covid-19 (der Hauptstadt-Flughafen wurde ebenfalls durch die Explosion beschädigt). Besonders wichtig ist der Hafen für den Nahrungsimport, dessen Zerstörung könnte ungeahnte Folgen nach sich ziehen. Viele Menschen stehen nun vor dem Aus inmitten eines Landes, welches seit Monaten mit einer schweren Wirtschaftskrise zu kämpfen hat, die Regierung kaum zahlungsfähig ist und zudem in letzter Zeit immer wieder Spannungen mit Israel hatte.