Die Legende des al-Kindi-Krankenhaus wird wiedergeboren

Es benötigte nur 2 Selbstmordattentäter um das älteste öffentliche Krankenhaus in ganz Syrien zu zerstören. Und dabei eine Legende zu erschaffen, die wohl zu den Unbekanntesten aber zugleich Ruhmreichsten im Syrischen Konflikt gehört. 

Es ist ein altes und dem Plattenbau ähnlich wirkendes Gebäude. Man könnte schnell erahnen, dass das Gebäude in einer sozialistischen Ära erschaffen wurde, nämlich zu Zeiten der panarabischen Union unter Gamal Abdel-Nasser, der Vereinigten Arabischen Republik. Damals wurde es als Krankenhaus für die Tuberkolosebekämpfung aufgebaut, 250 Ärzte und 650 weiteres Krankenpersonal soll das Hospital einst gezählt haben, es befand sich auf einem kleinen Hügel nördlich der Stadt Aleppo, neben dem Handarat-Viertel, seinerzeit nur ein improvisiertes Flüchtlingslager für Palästinenser.

Jahrzehnte später startete der Syrische Bürgerkrieg, mitten in den Stürmen und Umbrüchen einer Revolution stand die Stadt Aleppo wie jede andere Großstadt in Syrien stolz hinter der syrischen Regierung. Dies änderte sich 2012. Als verschiedene Oppositionsgruppen zwischen der  FSA, al-Nusra und der damals verbündeten ISIL (heute IS) gemeinsam eine Offensive auf die Stadt von der Provinz aus starteten. Sie hatte das Ziel die „Revolution nach Aleppo zu bringen“. Diese Großoffensive startete von al-Bab und Azaz aus, Städten nördlich von Aleppo. Die Hauptbewegung kämpfte sich durch dieses ebendieses Handarat-Lager, Sheikh Maqsoud, Sheikh Najjr- und dem Owaija-Industriebezirk.

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Situation in Aleppo 2013

Ironischerweise hielt diesem Ansturm gerade ein kleiner Kessel um das al-Kindi-Krankenhaus und dem nördlich gelegenen Zentralgefängnis aus, im Mittelpunkt der Offensive. Geschätzte 100 Mann hielten mehrere Versuche der Opposition aus, das Krankenhaus zu stürmen. Unter geschätzten 400 Toten und unzähligen Materialverlusten schien die Geduld langsam zu schwinden. In der selben Zeit versuchte der damals unbekannte Suleil al-Hassan mit seinen „Tiger Forces“ sich durch das Najjr-Industrieviertel in Richtung des Kessels durchzuschlagen. Er konnte Erfolge verbuchen, die Zeit aber spielte gegen ihn.

„Die, die das Krankenhaus angegriffen, zerstört und geplündert haben, waren einst Patienten die physisch geheilt, aber mit kränklichen Geist entlassen worden.“ -Tarek al-Mualem, einst Arzt in al-Kindi

Im Dezember 2013 bildeten Ahrar al-Sham, Islamische Front, Liwa al-Thawid, al-Nusra, al-Fajr und ISIL ein gemeinsames Kommandozentrum, getauft „Ein Herz“ um den Zusammenhalt und das gemeinsame Ziel auszudrücken. Die verbliebenen 70 Soldaten in einer inzwischen nicht mehr als Gebäude anzusehenen Ruine verteidigten sich 16 Tage tapfer bis die radikalislamistische Opposition ihre Wunderwaffe anwandte die bis heute einen enormen Erfolg verbucht: SVBIEDs. Diese mit mehreren Tonnen Sprengstoff besetzte, vollgepanzerte Autos mit einem indoktrinierten, zumeist ausländischen Fahrer waren berüchtigt dafür, die Positionen an der Front zu durchbrechen und einen möglichen Angriffspunkt zu erschaffen.

Nun folgten 2 SVBIEDs mit jeweils rund 20 Tonnen Sprengstoff geladen auf ihr Ziel, das Krankenhaus, darunter ein ägyptischer Fahrer namens Abu Marwan al-Halabi. Der Übermacht konnte aber nichts entgegen gesetzt werden, am 20. Dezember wurde das Krankenhaus vollständig durch die Opposition erobert, dank Selbstmordattentätern.  Die Meisten starben heroisch im Gefecht, darunter auch der Reuters-Journalist Molhem Barakat und sein Bruder. 16 Soldaten hatten hingegen kein Glück, sie wurden gefilmt, gefangen genommen, denunziert und danach im März 2014 massakriert durch al-Nusra. Die restlichen FSA-Battallione standen teilnahmslos daneben bei der Exekution.

Ihr Tod hat zu Einer der ersten Legenden im Konflikt geführt, ein Symbol der Standhaftigkeit, Stolz und des Mutes gegen den Terrorismus und Islamismus in Syrien. Ein Märtyrertum, welches in Syrien hohe Anerkennung genießt.

am 2. Oktober 2016 wurden die Ruinen des ehemaligen al-Kindi-Krankenhauses durch die Syrisch-Arabische Armee und Liwa al-Quds zurückerobert.