Giftgasangriff oder Bombardierung eines heimlichen Giftgasdepots?

Am Morgen des 4. Aprils kam es in der Stadt Khan Sheikhun im Süden der von der Opposition gehaltenen Provinz Idlib zu mehreren Luftschlägen der syrischen Luftstreitkräfte. Der Vorwurf: Dabei soll es auch zu Giftgasangriffen in Form von Sarin gekommen sein, die zwischen 70 und 100 Menschen das Leben bisher kostete. Die Schuldzuweisungen erfolgten direkt und von der Seite der westlichen Medien und Regierungen besonders schrill: Assad (sic!) soll für diesen Angriff verantwortlich sein, ein unrühmliches Zeichen seiner brutalen Diktatur. Die syrische und russische Regierung hingegen weisen jede Verantwortung von sich und behaupten, die Luftangriffe haben ein geheimes Giftgasdepot in der Stadt unabsichtlich zerstört, wodurch das Sarin später ausgetreten ist. Vor allem die Medien scheinen von ihrer Ansicht überzeugt, dennoch gibt es bisher sehr dürftige Beweise für einen, von der syrischen Armee verursachten Giftgasangriff. Eine Sammlung an Fakten und Theorien. 

Der Schauplatz

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Die einst 50.000 Einwohner zählende Stadt Khan Sheikhoun befindet sich im Süden der Provinz Idlib, nördlich von Hama. Trotz ihrer bescheidenen Größe besitzt sie seit den 1980er doch eine eher unrühmliche Geschichte gegenüber der herrschen Ba’ath-Regierung. Ein aus Idlib stammender Kommandant der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) umschrieb die Beziehung der Stadt mit den Worten, dass eine komplette Vernichtung der Stadt kein besonderer Verlust wäre. Natürlich befindet man sich mit derartigen Meinung in der großen Minderheit, dennoch ist der Ort eher überdurchschnittlich vielen Luftangriffen ausgesetzt. Der Grund dafür ist vor allem im Jahr 1982 zu finden. Damals war die Stadt ein blühendes Rekrutierungszentrum der Muslimbruderschaft, viele Mitglieder von dort nahmen an dem Aufstand in Hama teil, der brutal und erfolgreich niedergeschlagen wurde. Als Reaktion errichtete man südöstlich der Stadt ein gefürchtetes Militärlager: al-Khazanat. Die Basis diente dem Zweck, die Kontrolle über die umliegenden Dörfer und Städte aufrechtzuerhalten. Außerdem konnte dadurch ein Spionagenetzwerk aufgebaut werden, viele Einwohner landeten im Gefängnis.

Die Gründe für eine Abneigung sind aber nicht nur in vorherigen Jahrzehnten zu finden, auch im syrischen Konflikt spielte Khan Sheikhoun eine nicht zu verachtende Rolle. 2014 fiel die Stadt wie weite Teile der Provinz Idlib unter die Kontrolle der Opposition, nachdem die Armee nach einer Großoffensive vertrieben wurde. Der dortige Aufstand führte zur Blockade von Einheiten der SAA in Wadi Deif, Hamadiyah und vor allem der Abu Duhor-Luftbasis. Wenig später konnte Jabhat al-Nusra die Basen erobern und die übriggebliebenen Soldaten exekutieren. All diese Stützpunkte waren unter Kontrolle der syrischen Luftwaffe, wodurch ein heutiger Hass gegenüber dem Ort resultieren könnte. Danach baute der Verbündete des Islamistischen Staates, Jund al-Aqsa, dort sein Hauptquartier auf, was oft zu Kämpfen mit anderen oppositionellen Gruppierungen führte (vor allem Ahrar al-Sham). Da sich Jund al-Aqsa inzwischen aufgelöst hat ist der Verbleib der Stadt ungeklärt, höchst wahrscheinlich aber unter der Kontrolle von Tahrir al-Sham (ehemals bekannt als Jabhat Fateh al-Sham und Jabhat al-Nusra), dem sich auch viele Mitglieder von Jund al-Aqsa anschlossen.

Die Beziehung zwischen Opposition und Khan Sheikhoun ist ähnlich der von Qumhana und der syrischen Regierung in der selben Region. Qumhana ist eine sunnitische Stadt, welche seit der Amtszeit von Hafez al-Assad die Assad-Familie unterstützt (und damit auch mehr pro-Assad als pro-Regierung ist). Aufgrund dessen leisteten die dortigen Familien erbitterten Widerstand, wo die feindliche Offensive in Hama noch erfolgreich war.

Es kann sich also um einen Indikatoren handeln, dass die SAA derartige Waffen gegen diesen Ort einsetzen könnte. Wenn nicht die SAA in ihrer Gesamtheit, so ein einzelner „Trittbrettfahrer“ in der Armee.

Die Luftschläge

Erste Videos tauchten 1-2 Stunden nach den Luftschlägen auf. Laut den Medienkanälen von Tahrir al-Sham bombardierten mehrere SU-22 die Stadt. Zunächst negierte das russische Verteidigungsministerium die Angabe, man habe in und um Khan Sheikhoun bombardiert, das syrische Verteidigungsministerium machte zunächst keine Angaben. Stunden später gab Russland dennoch zu, in der Umgebung aktiv gewesen zu sein. Sowohl das russische, als auch das syrische Verteidigungsministerium selber verneinten natürlich die Behauptung, man hätte Giftgas eingesetzt.

Der als „Journalist des Jahres“ von Reporter ohne Grenzen ausgezeichnete Hadi Abdullah fand sich einige Stunden später in Khan Sheikhoun wieder, um vor Ort über die Einschläge und Opfer zu berichten. Im Video sieht man ihn auf einer Straße stehen, in der Mitte einen kleinen „Explosionskrater“. Im Video sagt er, dass es sich hierbei um eine mit Saringas gefüllte Fliegerbombe handelte. Drei Dinge sind daran seltsam:

  1. Das von Hadi Abdullah veröffentlichte Video zeigt den Treffer der Bombe auf dieser Straße. Das oben gezeigte Video aber zeigt Luftschläge eher im Süden der Stadt, es soll sich aber auch um abgeworfenes Giftgas handeln. Insofern scheint die Behauptung von Hadi falsch zu sein. Laut ihm warf man auch nicht mehr Giftgas ab.
  2. Die „Weißhelme“, eine Form von Rettungsdienst im oppositionellen Territorium mit fragwürdigen Verbindungen zu al-Qaida, veröffentlichten selber Bilder von Opfern des Saringases. Diese Straße ist im Süden der Stadt: hier. Wieso sollte man mit Giftgas auf die Gebiete außerhalb der Stadt schießen und wie können dort wie im Bild gesehen so viele Menschen sein?

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Detaillierte Bilder der Rakete auf der Straße zeigen außerdem weitere Merkmale: Laut Waffenexperten handelt es sich hierbei um keine Abwurfbombe, sondern um ein Artilleriegeschoss. Starke Ähnlichkeiten existieren zu den IRAM-Raketen iranischen Ursprungs. Die nächstbeste Startposition für derartige Waffen wäre Kernaz, 16km südwestlich von Khan Sheikhoun, da das Geschoss in Richtung Nordosten gelandet ist. Auch wäre der verursachte Schaden viel zu niedrig. Die SU-22 selber ist nicht dafür bekannt, Bomben bzw. Waffen zu besitzen, die mit Sarin (oder anderen Gasen) präparierbar sind.

Sonstiges

Neben den bereits erwähnten Weißhelmen und Hadi Abdullah ist bei den Angriffen in Khan Sheikhoun eine weitere Person besonders medial aufgetreten: Shajul Islam. Shajul ist ein aus Ost-London stammender Arzt, der seit 2012 in Syrien aktiv ist und unter dem Vorwand der „humanitären Aufgabe“ dort arbeitet. Er wird für schuldig befunden, den britischen Journalisten John Cantlie und niederländischen Pressefotografen Jeroen Oerlemans in Syrien entführt zu haben. Damit verlor er seinen Medizinabschluss in Großbritannien. Zugleich scheint seine hohe Twitter-Aktivität während der Notaufnahmen eine besondere Kompetenz zu zeigen.

Die von den Weißhelmen veröffentlichten Bilder und Videos zeigen Sanitäter, die bestenfalls Handschuhe und Gasmaske tragen und schlimmstenfalls nicht mal Schuhe. Wenn es sich tatsächlich um Sarin handelt (wovon derzeit definitiv auszugehen ist), sind diese Menschen aufgrund fehlenden Schutzes höchst gefährdet, Sarin kann alleine durch Hautkontakt tödlich sein. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies wirklich in Zukunft bewahrheiten wird.

Ebenfalls erwähnenswert ist der Tweet eines oppositionellen Journalisten. Einen Tag vor den Luftangriffen sagte er wortwörtlich:“Morgen werden wir eine Medienkampagne in der Hama-Region starten, die die Intensität und Nutzung von Chlorgas darstellen wird.“ Es klingt geradezu prophetisch, die Interpretation sei jedem selbst überlassen. Wahrscheinlich hat es einfach eine ziemlich banale Begründung: Oppositionelle Medien sprechen oft von Giftgasangriffen. Sehr oft. Besonders wenn an Fronten wie Nord-Hama verloren wird, wie es zurzeit der Fall ist.

Es ist außerdem kein Geheimnis, dass die Opposition sowohl zur Herstellung, als auch zur Nutzung von Giftgas bereit und fähig ist, genauso wie der Islamische Staat. Carla Del Ponte als UN-Kommissarin und Teil der UN-Untersuchungskommission für den Giftgaseinsatz in Ost-Ghouta sagte selber, die dortigen Oppositionellen (in dem Falle Jaish al-Islam) haben Sarin genutzt.

Anmerkung: Bei „Sonstiges“ handelt es sich nur m.A.n. interessante Nebeninformationen, die aber für die Darstellung und der Diskussion um einen Giftgasangriff und dessen Schuld relativ irrelevant ist.

Warum?

Das wohl deutlichste Argument gegen einen Giftgaseinsatz der syrischen Armee ist die einfache Frage: Warum? Welchen Nutzen würde man dadurch gewinnen, die ohnehin schon zerstörte Reputation noch weiter zu eliminieren und zugleich zivile Ziele anzugreifen? Warum sollte man aktiv nach 4 Jahren Giftgas an einer Front nutzen, an der man seit Wochen am gewinnen ist? Es ergibt in keinster Weise einen strategischen Sinn, eine Stadt weiter entfernt von den Fronten mit (fast) rein zivilen Zielen mit Giftgas anzugreifen und sich damit dem Risiko ausländischer Interventionen & Sanktionen auszusetzen. Nebenbei stehen auch wieder die erneuten Friedensverhandlungen in Genf und Astana an, einen möglich schlechter Zeitpunkt zum Einsatz von derartigen Waffen.

 

Insgesamt lässt sich derzeit wohl nur eines festellen: Nicht viel. Ohne Frage kam es zu Luftschlägen und zu vielen, von Sarin verursachten Toten. Die Faktenlage ist ein Tag nach dem Vorfall, wie in Ost-Ghouta damals, viel zu dünn um eine eindeutige Aussage treffen zu können. Definitiv gibt es aber erneut Beweise dafür, dass die offizielle und von den MSM übernommene Darstellung nicht dem Wahrheitsgehalt entspricht und eine problemlose Schuldzuweisung nicht möglich ist.