Amerikanische Luftschläge töten über 100 oppositionelle Kämpfer

C2laiz-UoAAsy2G.jpg

Ein Tag vor dem Amtsantritt von Donald Trump hat die amerikanische Luftwaffe mithilfe einiger Drohnen und eines B-52-Bombers ein Trainingslager von Jabhat Fateh al-Sham in der Provinz Idlib zerstört, wo zwischen 100 und 150 Kämpfer getötet wurden. Die Militärbasis, welche bis 2012 dem 80th Regiment der Syrisch-Arabischen Armee gehörte,  wurde vom (ehemaligen) syrischen al-Qaida-Ableger Fateh al-Sham und von der USA unterstützten und finanzierten Oppositionsgruppierung Nour al-Din al-Zenki verwaltet, nachdem man 2015 gewaltsam Bündnispartner wie Harakat Hazzm aus dem Gebiet vertrieben hat.

 

Die Militärbasis „Sheikh Suleiman“ wurde 2013 bei einer koordinierten Offensive der Opposition erobert, dabei kooperierten Fateh al-Sham (damals al-Nusra), Tawhid Brigade (FSA) und Muhajireen Group. Dabei waren vor allem Islamisten aus den kaukasischen Staaten involviert, wie die „Muhajireen“ damals den Zweck einer solchen Sektion von al-Qaida erfüllte. 2014 spaltete sich die Tawhid Brigade, große Teile desertierten zu Harakat Hazzm, Andere zu Nour al-Din al-Zenki. Harakat Hazzm fiel später aufgrund der ausländischen Unterstützung des Westens in Ungnade von al-Nusra und wurde dann später gewaltsam in die Türkei vertrieben.

Seit dem Jahreswechsel flog die amerikanische Luftwaffe vermehrt Angriffe auf hohe Persönlichkeiten von al-Qaida, die mit verschiedenen Gruppen in Syrien verbandelt sind. Der Angriff eines Trainingslagers und die hohe Zahl an getöteten Kämpfern ist aber äußerst ungewöhnlich und könnte erste Anzeichen eines Einflusses von Donald Trump auf die amerikanische Außenpolitik zeigen.

Opposition bricht erneut die Vereinbarungen, zerstört Busse zur Evakuierung

Am letzten Freitag sperrte die Syrisch-Arabische Armee und seine Verbündeten den einzigen Evakuierungsweg entlang verschiedener Viertel im Südwesten der Stadt mithilfe von LKWs und Sandbarrieren, nachdem die oppositionellen Kämpfer mehrfach gegen die ausgehandelten Vereinbarungen verstoßen hatten. Zu Beginn dieser Aktion waren die Hauptakteure schiitische Milizen und Bürger, die den Weg für die Busse und Fahrzeuge des Roten Halbmondes versperrten. Später kamen dann auch offizielle Institutionen der syrischen Regierung dazu. Was war der Grund dafür?

Erste Vorwürfe der Regierung lauteten vergleichsweise behutsam: Oppositionelle Kämpfer sollen Waffen mit sich getragen haben, die nicht in der Vereinbarung standen. Zu diesen gehören leichte Waffen, die man mit sich mittragen kann. Später kam dann auch der Faktor hinzu, dass sie Gefangene mitnehmen wollten, die Angehörige der Syrisch-Arabischen Armee sind und/oder anderweitig der Regierung angehören. Ob sie auch gesuchte Verbrecher wie Omar Salkho (die Person, die das 13-jährige Kind geköpft hatte) mitnehmen durften, ist unklar.

Cz9Z670WEAEaWMd.jpg

Zerstörter Bus in Fu’ah, nachdem er von Jaysh al-Fateh angegriffen wurde

Der primäre Grund ist aber in einem wesentlich schwerwiegenderen Vertragsbruch zu finden: Der Evakuierung von Fu’ah und Kafarya. Nicht nur sollten die übrig gebliebenen Zivilisten & Kämpfer aus Ost-Aleppo evakuiert werden, sondern auch vor allem Alte und Verletzte aus den belagerten Orten Fu’ah und Kafarya. Beide Dörfer liegen direkt östlich von der Stadt Idlib, Hochburg der Opposition und dem islamistischen Bündnis Jaysh al-Fateh, welches von Jabhat Fateh al-Sham angeführt wird. Die mehrheitlich schiitischen Einwohner sind seit über einem Jahr trotz angeblicher Waffenruhe dem Artilleriebeschuss der Opposition ausgesetzt. Immer wieder gibt es tote Zivilisten, die Orte werden nur notdürftig per Luftbrücke versorgt. Dementsprechend hielt man es für eine gute Idee, rund 4.000 Einwohner (insgesamt leben dort 15.000-30.000 Zivilisten) zu evakuieren. Dafür werden wiederum 1.500 Zivilisten aus Madaya westlich von Damaskus evakuiert, welcher ebenfalls seit Jahren belagert wird. In Ost-Aleppo warten schätzungsweise noch maximal 5.000 Zivilisten und noch mehr Kämpfer auf eine Evakuierung.

Cz9fqOYW8AAROkW.jpg

Nachdem es am 17. Dezember zu einer Deeskalation der Lage kam, die Straße um Ramouseh in Aleppo geräumt wurde und ein erneuter, gleicher Deal beschlossen wurde, eskalierte die Situation am 18. Dezember vollends: Kämpfer um Jaysh al-Fateh und weiteren Oppositionsgruppen zerstörten die Busse in Fu’ah und Kafarya, nachdem diese den Ort betreten hatten und die Tage zuvor aufgehalten wurden. Dabei wurde mindestens ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes getötet. Fateh al-Sham (ehemals al-Nusra) droht nun, jede Person umzubringen die die beiden Orte verlassen möchte. Eine frühere Evakuierung Ost-Aleppos und der beiden Orte scheint insofern sehr unwahrscheinlich, der Grund dafür umso offensichtlicher entgegen der Behauptungen mancher Personen und Medien.

Erneut Kämpfe innerhalb von islamistischen Gruppen

Die salafistisch-jihadistische Jund al-Aqsa gerät in Kämpfe gegen die islamistische und zweitgrößte Oppositionsgruppe Ahrar al-Sham – erneut. Deren Auswirkungen und Gründe für das erneute Aufflammen eines wohl nicht enden wollenden Konfliktes.

Vor knapp einer Woche brachen erneut Grabenkämpfe zwischen Jund al-Aqsa und Ahrar al-Sham aus, der folgende Vorwurf lautete: Jund al-Aqsa (JaA) soll den führenden Kommandanten der Abo Dujana-Gruppierung, einer Untergruppe von Ahrar al-Sham (AaS), in al-Bara (Idlib-Provinz) entführt haben. Zum gleichen Zeitpunkt sollen mehrere Basen von AaS in Saraqib & Khan Sheikhoun angegriffen worden sein, laut Vorwürfen von AaS sollen daran auch mehrere Daesh-Schläferzellen mit Verbindungen zu Raqqa aktiv gewesen sein. Als Resultat warf AaS der JaA vor, Daesh-Schläferzellen in der Idlib-Provinz zu schützen und dabei die „Revolution“ zu verraten. Ebenfalls veröffentlichte AaS ein 24-stündiges Ultimatum, was die Freilassung der Gefangenen vorieht.

Daraus resultierend publizierte JaA ebenfalls ein Statement welches wiederum AaS vorwirft, mehrere JaA-Kämpfer zu entführen und damit die wichtige Offensive in Nordhama zu unterbrechen, wo JaA die Speerspitze bildet. Die Zeichen standen also – erneut – auf eine höchstmögliche Eskalation beider Fraktionen, beide warfen sich gegenseitig die Entführung von Mitgliedern vor, JaA griff mehrere Basen an. Auch die verzweifelten Versuche von verschiedenen Schariakomitees eine Schlichtung zu vollführen waren nicht von Erfolg geprägt. Alle Zeichen deuteten auf Krieg.

Die quantitativ und qualitativ unterlegene JaA (eine eher mittelgroße Oppositionsgruppe) konnte zu Beginn bis auf einige weitere Entführungen (z.B. in Kafr Sajna oder al-Tulaysiyah ), Ermordungen von einigen Kommandanten der AaS (zweitgrößte Oppositionsgruppe) und kleineren Scharmützeln vor AaS-Basen keine besonderen Erfolge verzeichnen, sie wurde nach einigen Tagen in Marat al-Numan, Al-Hamdaniya, Jarjanaz, Sarmada, Al-Mastouma, Kafrouma und Sarmin zurückgedrängt. Die Unterlegenheit konnte JaA aber mit ihren Radikalismus wett machen: Als Reaktion darauf entführte man weitere AaS-Mitglieder in Kafrsejna, Maarzita, Saraqib, Kafrsejna und verursachte angeblich ein Massaker vor einem Krankenhaus in der Hama-Provinz: Über 30 Kämpfer von Ahrar al-Sham sollen dabei ermordet worden sein. JaA konzentrierte sich danach eher auf das Zentrum von Idlib, zog sich aus weniger relevanten Positionen wie in Sukayk & Saraqib zurück.

Aus anfänglichen Verlusten wurden durchaus auch Erfolge, so wurde der AaS-Kommandant der Hama-Region Abu Abdullah bei einem Überfall in Jabal Zawiyah (Idlib) getötet, Abo Osama Jedraya als Anführer des „Abo Talha al-Ansari Battalion“ in Adlin und Ali Hilal al-Ahmad in Saraqib ermordet, alles dank Schläferzellen und Unterstützung in besonders radikalen Teilen der Opposition. Verschiedene Checkpoints wie in Kafranabel oder al-Tulaysiyah wurden erobert. Dennoch gab es am selben Tag auch Rückschritte, so wurde der Anführer des „Ja’far al-Tayyar Battalion“ Mohamad Abo Hashem in Miri festgenommen. Ebenfalls fand AaS mehrere gestohlene Kunstschätze in einigen JaA-Basen. Auch hatte man Desertationen sowohl nach Jaysh al-Fateh (z.B. vom Pressesprecher der Gruppe Abu Abdullah) als auch angeblich von 75 bis 100 Kämpfern nach Daesh zu beklagen; immerhin war JaA weiterhin die Gruppierung mit einem höchstmöglich radikalen Profil und den guten Verbindungen zu Daesh, wie bereits ähnlich hier niedergeschrieben wurde. Außerdem erhöhte sich ebenfalls der Druck von Seiten der Regierung, in der Zwischenzeit organisierte sich die Syrisch-Arabische Armee (SAA) neu und konnten mithilfe der Tiger Forces eine Gegenoffensive einleiten und dabei verschiedene Dörfer im Osten einnehmen, darunter Ma’an oder Kawkab, worunter auch einige JaA-Kommandanten wie Hanan Abo al-Leith starben.

Letzten Endes war der entschiedene Faktor dennoch die verschiedenen Oppositionsgruppen und deren Umgang mit dem Konflikt; von den bereits angesprochenen Schariakomitees gab es ebenfalls auch einige Zivilgruppen und weitere militärische Fraktionen die sich alle recht einseitig auf Seiten von Ahrar al-Sham stellten. Jabhat Fateh al-Sham (JFS) aka al-Nusra als dominierende Macht agierte in dem Falle als objektiver Vermittler beider Rollen, verschiedene Schariakomitees  (besonders die mit Einfluss von AaS) riefen eine „Fatwa“ gegenüber JaA aus. Verschiedene Gruppen organisierten Proteste der „Bevölkerung“ gegen die inneren Grabenkämpfe.

Die restlichen Oppositionsparteien involvierten sich recht schnell, Faylaq al-Sham13th Division halfen AaS bei Angriffen in Saraqib. Weitere Gruppen wie Jaysh al-Tahrir, Suqor al-Sham (welche wiederum später von JFS in Ariha angegriffen wurden dafür), Fastaqem Kama Umirt,  Jaish al-Mujahideen, das zweitgrößte Aleppo-Bündnis Fateh Halab und 15 weitere Oppositionsgruppen (u.a. al-Zenki, Jaish al-Islam, Faylaq al-Sham) stellten sich offiziell in der Angelegenheit auf der Seite von Ahrar al-Sham.

Nachdem also die Kräfteverhältnisse für alle beteiligten Seiten offensichtlich waren und JaA in ihrer letzten großen Bastion in Idlib (Sarmin) von Ahrar al-Sham belagert wurde kam es zu einer interessanten Entwicklung, die den Kreis der Entwicklung von Jund al-Aqsa erneut schließt: JaA  schwor als letzten Ausweg seine Treue zu JFS, der Gruppe wo sie sich vor rund 3 Jahren losgelöst haben. Dem Treueeid (Bay’ah) sollen rund die Hälfte der ehemaligen Größe (geschätzte ~1.600 Kämpfer) gefolgt sein. Als Reaktion darauf veröffentlichte angeblich Ahrar al-Sham ein Pressestatement welches diesem Deal zustimmt, solange man nun aufhöre Daesh-Schläferzellen zu unterstützen und „Kriminelle“ an die jeweiligen Schariagerichte übergebe.

Die Au­then­ti­zi­tät dieses Papiers wird aber angezweifelt, es soll sich maximal nur um ein Positionspapier niedrigerer Kommandanten handeln. Pressesprecher von Ahrar al-Sham Abo Yusuf al-Muhajir sagte hingegen dass man diesen „Bay’ah“ nicht akzeptieren werde und weiterhin entschlossen gegen JaA kämpfen wird. Weiterhin sagten auch weitere Gruppen, dass es sich hierbei um einen „Verrat“ von JFS handelt und man diese Verhandlungen nicht akzeptieren wird. Kurz danach attackierte AaS in Sarmin, Hish & al-Nayrab. Die Beziehungen schienen sich zu verschlechtern, als man erneut einen Diplomatieversuch unter der Obhut von JFS startete. Es kam zu gegenseitigen Zugeständnissen: JFS beteuerte dass es bei dem Treueschwur nur um Mitglieder handelt die nicht aktiv an den Kämpfen teilnehmen (ergo nicht die gesamte Gruppierung) und dafür es zu gegenseitigen Entlassung von Gefangenen kommt. 2 Tage später wurden auch 57 Gefangene gegenseitig ausgetauscht/entlassen.

Nachdem scheint sich die Situation wieder abgekühlt zu haben, es kommt angeblich weiterhin zu sporadischen Plänkeleien in Idlib, Diese sollten sich aber schnell von selber auflösen. Dieser Konflikt war wohl nicht nur die größte Eskalation zwischen Ahrar al-Sham & Jund al-Aqsa, sondern auch stärkstes Überbleibsel von der Bewertung vom Umgang mit Daesh, nachdem Daesh sich 2013 unabhängig erklärt hatte. Während Jund al-Aqsa sie weiterhin als ideologischen Verbündeten ansehen, sieht der Rest der Opposition sie weiterhin als machtpolitischen Gegner trotz fehlender, ideologischer Differenzen.  Außerdem war es auch eine Zerreißprobe für die Beziehungen zwischen Ahrar al-Sham und Jabhat Fateh al-Sham, die größten Gruppen und Mitglieder im größten Oppositionsbündnis Jaysh al-Fateh. Eine für ehemalig gar nicht unwahrscheinlich gehaltene Fusion beider Gruppen rückt dadurch in die Ferne. Größer Nutznießer kurz- und langfristig wird die syrische Regierung sein. Und ein Einblick auf ein Nachkriegssyrien, wo die Opposition gewinnen würde.

 

Explosion am türkischen Grenzübergang – mindestens 30 Tote & Verletzte

Bei Einem der letzten offiziellen Grenzübergängen zwischen der von der Opposition gehaltenden Provinz Idlib und der Türkei soll sich ein Bombenanschlag ereignet haben, der zu mindestens 30 toten Kämpfern der Opposition geführt haben soll. Ebenfalls gibt es Berichte von türkischen Grenzsoldaten als Opfer.

Die anfängliche Annahme einer Autobombe wurde schnell fallengelassen und so geht man inzwischen von einem Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel aus. Bei den Opfern soll es sich um die von der USA unterstützten und finanzierten Gruppierungen „Faylaq al-Sham“ und „Harakat Nour al-Zinki“ gehandelt haben.

Cp1-ySAVUAA0r6P.jpg

Dem Ziel zu entnehmen könnte es sich höchst wahrscheinlich entweder um die üblichen, internen Streitigkeiten der Opposition zwischen Jaysh al-Fateh/Jabhat Fatah al-Sham (ehemals al-Nusra) handeln. Außerdem besteht durchaus die Wahrscheinlichkeit von reaktivierten Daesh-Schläferzellen nahe Idlib, die dort bereits im November 2013 die Bevölkerung terrorisierten und z.B. einen 150 Jahre alten Baum absägten, da nach ihren Aussagen die Einwohner als „Gott verehrten“. Aufgrund der Nähe zur Türkei würde sich aber Daesh wie üblich nicht zu diesem Anschlag erkennen (wollen). Die Zahl könnte weiterhin steigen.

Cp5cqeFW8AA54e9.jpg

Edit 15.08.: Die Nachrichtenagentur AMAQ erzählt dass sich Daesh offiziell dazu bekannt hat und die Opferzahl auf ~50 Tote beziffert. AMAQ ist das mediale Sprachrohr des IS.