Ereignisse der letzten Woche – Nordhama, Südaleppo, Jarablus und Rif Dimashq

Die letzte Woche war eine äußerst Ereignisreiche für Syrien: Von unerwarteten Ereignissen wie der türkischen Invasion/Intervention in Syrien bis hin zu einer erstaunlich erfolgreichen Oppositionsoffensive in Nordhama, oder Waffenruhen und Generalamnestie für einige Städte in Rif Dimashq und Homs. Ein Überblick.

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Islamistische Großoffensive im Norden von Hama

Im Norden der traditionell regierungstreuen Provinz und Stadt Hama startete die IS-freundliche und aus ehemaligen al-Qaida-Mitgliedern bestehe Gruppierung Jund al-Aqsa eine Offensive mit dem Ziel, die mehrheitlich sunnitischen und christlichen Dörfer im Norden der Großstadt Hama zu erobern und auf die Stadt selber gefährlich nahe zu rücken. Primäres Ziel der Operation, die nach dem Massenmörder und Islamisten „Ghazwan Al-Shaheed Marwan Hadid“ benannt ist, wird wohl die Ablenkung von Südaleppo sein, wo weiterhin schwere und wichtige Kämpfe andauern.

Die Erfolge der Opposition die unter dem Kommando von Jund al-Aqsa steht und von semi-moderaten Gruppierungen wie Jaysh al-Nasr oder Jaysh al-Izzah der FSA verbündet sind, führen vor allem (erneut) aus der Inkompetenz der christlichen und muslimischen Verteidigungsmilizen (u.a. NDF) zurück, die größere Städte (z.B. Suuran oder Teybat al-Imam) einfach völlig ungeschützt zurückgelassen wurden. Es gibt inzwischen aber Berichte dass die Eliteeinheiten der „Tiger Forces“ teilweise dorthin transportiert wurden, um weiteren Fortschritt zu verhindern. Dies wiederum schwächt in gewissen Maße die Offensivkapazitäten in Südaleppo. Diese Eroberungen führten zum Massenexodus der dortigen Bevölkerung einerseits vor den Kämpfen als auch von dem drohenden Genozid durch Jund al-Aqsa.

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Flucht der Bevölkerung

Auch wenn die Situation definitiv kritisch mit steigender Stabilisierung ist, so muss man dennoch die militärisch eher irrelevante Position der Region betonen. Dennoch für eine derartig statische Front wie die von Nordhama ist dies eine große und verlustreiche Veränderung.

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Fortschritte der SAA in Südaleppo

Die SAA angeführt von der offensiven Eliteeinheit der „Tiger Forces“ und der in Aleppo beheimateten Miliz Liwa al-Quds konnte deutliche Erfolge in Südaleppo verzeichnen. Es wurden nicht nur große Teile der nördlichen Ramouseh-Artilleriebasis bzw. der Flugschule (siehe Bild) erobert (die Angaben schwenken zwischen 50-100%), sondern ebenfalls weiter südlich die Verteidigungslinien der Opposition durchbrochen und mehrere strategisch wertvolle Hügel und Dörfer erobert. Beispiele hierfür wären z.B. Tell Mahrouqat, Qarassi oder diverse Steinbrüche dort.

Bei fortführender Tendenz könnte die Entscheidung um Aleppo in wenigen Tagen/Wochen erneut getroffen werden und eine zweite Belagerung Ostaleppos initiiert werden.

Waffenruhen in belagerten Orten erreicht

Nicht nur in Daraya wurde eine Waffenruhe angenommen die zur direkten Kontrolle der syrischen Regierung in dem Ort führte, sondern ebenfalls in weiteren Vorstädten von Damaskus und Homs. Die belagerte „Nachbarstadt“ direkt westlich von Daraya namens al-Moadamyeh scheint inzwischen ebenfalls Überlegungen zu unternehmen nun zu kapitulieren und die Generalamnestie zu akzeptieren. Daraya und Moadamyeh waren lange Zeit eine gesamte Front, erst vor einigen Monaten kam es zu einem Kessel zwischen den beiden Städten.

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Forderungen aus Homs

Wesentlich konfliktreicher geht es momentan in Homs zu, um genau zu sein im Waer-Wohnungsviertel nordwestlich der Stadt. Nachdem es aufgrund von gegenseitigen Beschuss zu einer Eskalation und Luftschlägen gekommen war, forderten einige Zivilisten und dortige Kleriker die Kapitulation der Kämpfer um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Auf diese Forderung wurde von den Oppositionellen nicht eingegangen und es kam lediglich zu einer temporären Waffenruhe und Hilfslieferungen.

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Situationsupdate in Nordaleppo

Die türkische Intervention/Invasion auf syrischen Territorium hatte wohl Niemand erwartet, es gab zwar Berichte dass verschiedene Oppositionsparteien von der Türkei aus Jarablus attackieren wollen, aber ein direkter Einsatz türkischer Streitkräfte war sehr unerwartet. Nachdem die Operation 2 Wochen andauert und vor allem die SDF bis zum Sanju-Fluss zurückgetrieben wurde und damit momentan größter Verlierer dieser Offensive ist, gilt das Interesse momentan eher Daesh bzw. der Verbindung ihrer zwei Terrarien an der türkischen Grenze. Die Kämpfe zwischen Daesh und der Opposition/Türkei gelten immer noch als sehr niedrig und lediglich konnte man kurzfristig die Dörfer östlich von al-Rai zurückerobern. Dennoch herrscht in den letzten Tagen ziemliche Stagnation an der Front, eine Gruppe der FSA dort berichtet aber von Eroberung von Sabuniyah, Tell Aghbar & Sha’inah westlich von Jarablus vor wenigen Minuten.

Währenddessen startete die YPG/SDF von ihrem westlichen Efrin-Kanton eine Offensive auf Daesh und konnte dabei die 3 Städte Umm al-Kura, Umm Housh und Harbal erobern. Damit erleichtern sie sich den Weg die beiden Kantone bzw. Rojava zu vereinigen und damit den Albtraum von Erdogan zu erfüllen. Er würde dies selbstverständlich aber nicht dulden und die momentan herrschende Waffenruhe (im Sinne dass Beide einfach nicht angreifen wollen) problemlos beenden.

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„Nummer 2“ des Islamischen Staates getötet

In der Zwischenzeit wurde die Nummer 2 des Islamischen Staates, Abu Mohammed al-Adnani, nahe al-Bab getötet. Er galt als Anführer für den IS in Syrien als auch der Koordinator für terroristische Anschläge im Ausland (vor allem Frankreich) und Propagandist. Zum momentanen Zeitpunkt gibt es mehrere Behauptungen, wer ihn umgebracht hatte. Sowohl das Pentagon bzw. die Internationale Koalition als auch das russische Verteidigungsministerium beanspruchen die Ermordung. Ebenfalls gibt es aber Berichte von „türkischen Querschlägern“ was aber aufgrund der Entfernung zur Front eher unwahrscheinlich ist. Die spannendste Theorie wiederum ist die, dass der ehemalige Emir von Raqqa Abu Luqman das Attentat veranlasst hat, es insofern also ein „Inside Job“ war. Dementsprechend soll er angeblich durch eine IED in seinem Auto getötet worden sein.

Islamistische Latakia-Offensive

In der syrischen Küstenprovinz Latakia konnte ein Bündnis zwischen Islamisten und FSA große Erfolge im gebirgigen Norden erringen und damit die strategisch wichtige, christliche Stadt Kinnsiba erobern. Der Eroberung gehen 4 Tage von vorherigen Verlusten voraus. 

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Die gesamten Verluste gegenüber der Nacht

 

Über die Nacht vom 31. Juni zum 1. Juli konnte das salafistische Bündnis angeführt von al-Nusra/al-Qaida (darunter auch die Islamische Turkestan-Partei) mithilfe von verschiedenen FSA-Divisionen Teile von Jabal al-Akrad erobern. Nach monatelangen Rückschritten und den verlustreichen Niederlagen der letzten Tage konnte ihnen der Durchbruch gegenüber der Nacht geschehen, nähere Informationen sind dabei unbekannt. Dabei wurden verschiedene Ortschaften wie al-Hamrat, Shulayf, Ain al-Qantara, oder Kinnsiba bzw. deren wesentlich relevanteren Hügel/Berge erobert. Die SAA und weitere regionale Milizen (z.B. „Syrian Resistance“) haben sich angeblich durch die unerwarteten und ungewöhnlichen Nachtangriffe strategisch zurückgezogen, auch lässt das erbeutete Material und wenigen Toten größtenteils darauf schließen.

Das gegnerische Bündnis bestand einerseits mit seiner Hauptlast von ~80% aus der salafistisch-islamistischen „Jaysh al-Fateh“ (prominente Mitglieder sind al-Nusra, TIP, Ahrar al-Sham) und weiteren FSA-Gruppen die vor allem Unterstützung mit ihren Panzerabwehrwaffen, der TOW, geleistet haben. Beispiele hierfür sind z.B. die 1st und 2nd Coastal Division. Ebenfalls beachtenswert ist bei den Videos, dass ein großer Teil der Mitglieder von Jaysh al-Fateh aus verschiedenen Ländern sind, vor allem wird das durch die usbekischen und uigurischen Mitglieder der Islamischen Turkestan-Partei zum Ausdruck gebracht.

Laut Ahrar al-Sham konnte man 4 T-55, 1 BMP, 1 Raketenwerfer und 1 Gefangenen bei der Schlacht um Kinnsiba vernehmen, nähere Informationen sind unbekannt. Laut einigen Reportern ist bereits eine Gegenoffensive der SAA geplant, eventuell könnte man die Unterstützung der russischen Luftwaffe ebenfalls erwarten, da sie nicht involviert war bzw. bei den Mallah-Farmen im Norden Aleppos derzeit besonders aktiv sind.

Jaysh al-Fateh (al-Nusra?) in Kinnsiba

1st Coastal Division in Kinnsiba

Propagandavideo von Jaysh al-Fateh zur Offensive

 

 

 

Islamische Turkestan-Partei – Kindersoldaten und Uiguren

Die Islamische Turkestan-Partei (englisch Turkestan Islamic Party, TIP) ist eine islamistische, der al-Qaida zugehörige Gruppierung, deren Ursprung sich in China (Xianjiang) befindet und inzwischen in Syrien operiert. Nur: Was genau betreibt die TIP in Syrien?

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erste Aufnahmen der TIP in Syrien (2014)

Derartige Tätigkeiten der TIP sind keine neue Geschichte, bereits in ihren ursprünglichen Basen z.B. in den Regionen der Waziristan-Provinz (Pakistan) oder der Nangarhar-Provinz in Afghanistan waren sie neben Selbstmordanschlägen z.B. im Oktober 2013 dafür bekannt, Kindersoldaten auszubilden. Dementsprechend wurden sie auch auf die UN-Liste für terroristische Organisationen gesetzt und international bekämpft, unter anderem auch die USA mithilfe von Luftschlägen und Drohneneinsätzen.

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In Syrien ist sie bzw. ihr syrischer Ableger Katibat Turkistani seit etwa 2014 aktiv, die genaue Anzahl an Soldaten schien zu dem Zeitpunkt unscheinbar genauso wie die Führungsriege, Abu Rida al Turkestani wurde zumindest bis zu einem bestimmten Punkt als der Anführer bezeichnet. Ebenfalls erwähnenswert ist in dem Kontext, dass sie dem Taliban-Anführer Mullah Muhammad Omar die Treue schworen und damit die zweite Gruppierung in Syrien sind, neben der Uzbek Imam Bukhari Jamaat.  Da sie ein Verbündeter von Al-Qaida ist, war und ist sie logischerweise ein Verbündeter des syrischen Al-Qaida-Ablegers al-Nusra & deren Freunde.

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Explosion einer VBIED

Die Aktionen in Syrien beschränken sich auf die Region in und um Jisr al-Shoughur, einer großen Stadt nahe der türkischen Grenze innerhalb der Idlib-Provinz und Latakia. Dort konnte sie sich mithilfe von al-Nusra in einer Offensive der Opposition im Frühling und Sommer 2015 etablieren. Inwiefern die TIP in Dieser aktiv war ist nicht bekannt, dennoch wurden 2 VBIEDs („bemannte Autobomben“) bei der Offensive von Seiten der TIP benutzt, um Stellung der Regierung anzugreifen. Ein Angreifer soll Abu Hurayra al Amriiki gewesen sein, welches übersetzt „der Amerikaner“ heißt und ebenfalls amerikanischer Staatsbürger gewesen sein soll.  Über den zweiten Attentäter ist hingegen wenig bekannt, sein Name war Dadullah und er war uigurischer Abstammung.

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Die TIP ist dafür bekannt, mehrere Trainingslager in Syrien zu betreiben, zumindest Eines für Kinder. Dieses Trainingslager soll sich nahe Al-Haqbah bei Jisr al-Shughour befinden und vor allem Kinder uigurischer Abstammung „ausbilden“ bzw. ideologisch indoktrinieren. In welchem Umfang das auch mit syrischen Kindern geschieht, ist unbekannt. Dabei lernen sie neben den Umgang mit einfachen Handfeuerwaffen bis hin zu AK-47 ebenfalls die Lehre des Korans bzw. die Scharia.

Ebenfalls ungewöhnlich ist es, dass nach der Massenflucht zur Türkei einige Jahre zuvor die TIP den Großteil der restlichen Bewohner von Jisr al-Shughour in andere Gebiete „deportiert“ hat, um den eigenen Kämpfern (und weiteren ausländischen Gruppierungen, z.B. Usbeken und Tescheschenen) eine Behausung zu bieten, den Zuzug von ihren Familien inklusive. Selbst oppositionelle Quellen  bestätigen diese Berichte.

Kurzum ist die Islamische Turkestan-Partei der Prototyp und zugleich das Extrem der oppositionellen Gruppierungen in Syrien, die Abhängigkeit von ausländischen Material und Personal wird einerseits durch den ethnischen Ursprung des Konfliktes erzählt und andererseits ist die Nutzung von Kindern ebenfalls Ausdruck einer Erschöpfung der Parteien. Ideologisch hingegen unterscheidet sie sich kaum von den Anderen, der Umgang mit ehemaligen christlichen Bewohnern in Jisr ist eher Normalität als Seltenheit, aber ein gleicher derartiger Umgang mit den sunnitischen Einwohnern ist äußerst ungewöhnlich.