Palmyra könnte erneut fallen

Schlechte Nachrichten aus der Wüstenstadt Palmyra/Tadmur: Seit dem 8. Dezember konnte Daesh wichtige Eroberungen in der Umgebung des Ortes unternehmen und den Ort fast umkreisen.

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Ungefähre Situation am 8. Dezember (Pro-IS)

Zu Beginn des 5. Dezember nahm Daesh erneut Überfälle auf die verliebenen NDF-Milizen in und um Palmyra auf. Bereits am Anfang waren die Angriffe verheerend: laut der Daesh-Nachrichtenagentur AMAQ sollen 10 Soldaten getötet worden sein, weitere Fahrzeuge und Panzer zerstört. Dies war zunächst nichts Ungewöhnliches, in der Wüstenlandschaft um Palmyra bis Ost-Homs gab es öfters Überfälle, die aber genauso schnell aufhörten wie sie anfingen und eigentlich nur zur Materialbeschaffung dienten. Am 8. Dezember gab es aber dann doch den Paukenschlag: AMAQ verkündete offiziell eine Offensive bei Palmyra und Homs. Während Homs trotz kleiner Verluste von 2 Dörfern zurückgeschlagen wurde sah es in Palmyra nicht so gut aus: Das Jazal-Ölfeld wurde erfolgreich erobert, nachdem die dortigen Ölpumpen erst repariert wurden. Ähnlich erfolgreich verlief die Offensive im Süden, Jabal Hayyanah wurde erobert.  Nach Angaben von Daesh (die eigentlich immer recht inflationär gehalten sind) wurden zu dem Zeitpunkt 97 Soldaten getötet, 5 Panzer und 1 BMP erobert.

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Beispiel an eroberten Kriegsgut (8. Dezember)

Der 9. Dezember ging ähnlich verheißungsvoll weiter. Barj Hill, al-Maher und ein Kontrollpunkt sollen nordwestlich von Palmyra erobert worden sein, womit das Risiko einer Einkesselung des Ortes erheblich gestiegen ist. Laut AMAQ kam es auch zu einer Gegenoffensive der NDF bei al-Maher, welcher aber zurückgeschlagen wurde und zwei weitere T-55-Panzer einbrachte. Außerdem soll ein Konvoi zur Unterstützung zerstört worden sein, wofür es aber keine Bestätigung gibt.

An dem Tag begann auch ihr folgenschwerster Angriff: der Sturm auf die Ostgebiete von Tadmur. Der erste Einsatz eines Selbstmordattentäters in dieser Offensive verkündete den Rückzug aus diesem Territorium, da die NDF nicht zur Verteidigung gegen solcher Waffen fähig ist und ihre defensiven Positionen aufgeben musste. Am Ende des Tages konnten auch die Jihar-Ölfelder eingenommen werden, dem einzigen Nachschubweg nach Palmyra gefährlich nahe.

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Verteidigungspositionen um das Getreidesilo

Die Auswirkung von den gefallenen Ostgebieten merkte man vor allem am 10. Dezember. Mit einem zweiten Selbstmordattentäter gelang ihnen dort der Durchbruch: Die letzte große Defensivposition östlich der Stadt, die Getreidesilos, wurde erobert. Ebenso die Antar-Berge nordwestlich der Stadt. Die neueste Eroberung soll laut AMAQ al-Talila sein.

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Aktuelle Karte von AMAQ

 

Das alles deutet auf eine kritische Situation in und um Palmyra/Tadmur hin. Während in Aleppo riesige und unerwartete Erfolge gefeiert werden, scheinen die kleinen Gruppierungen der NDF-Milizen (National Defense Forces, Dachverband von regionalen Milizen die ihre Heimat verteidigen) zu inkompetent zu sein, sich selbst gegen kleine und leichte Angriffstrupps von Daesh zu verteidigen. Auch trotz Unterstützung der syrischen und russischen Luftwaffe. Dies wiederum offenbart weiterhin die größten Probleme der Syrisch-Arabischen Armee: Schlechte Ausbildung von normalen Soldaten/Milizen (die NDF ist offizieller Teil der SAA) und Personalmangel, um aktiv an mehreren Fronten in die Offensive zu gehen. Jetzt gilt es wohl abzuwarten, wann und inwiefern Soldaten/Kämpfer von Aleppo nach Palmyra/Tadmur transportiert werden können. Jeder Tag könnte potentiell zu spät sein, um eine strategisch irrelevante aber symbolische Stadt und deren Kulturgüter zu retten – erneut.