USA erlaubt partielle Evakuierung des IS in Raqqah

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Die USA und mit ihnen verbündeten Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) scheinen Hunderten Kämpfern des Islamischen Staates den Abzug aus Raqqah zu erlauben, inwiefern es sich um eine Kapitulation oder Bestandteil von diplomatischen Verhandlungen handelt ist derzeit unklar. Im August jedoch kritisierte die USA exakt einen solchen Deal zwischen dem Islamischen Staat und der libanesischen Regierung in der libanesisch-syrischen Grenzregion.

In den letzten 24 Stunden sollen der USA zufolge über 100 Kämpfer des IS aufgegeben haben. Angeblich wurden damit auch alle syrische IS-Kämpfer und deren Familien evakuiert, damit verbleiben nur noch ausländische Kämpfer und Söldner des Islamischen Staates, z.B. aus Zentralasien oder Tschetschenien. Diese sind aber nicht Teil der Vereinbarungen. Besonders Unterhändler der SDF und Stammesanführer setzten sich für einen solchen Deal ein, während die USA sich gegen jegliche Evakuierung sträubte.

Ende August kritisierte die USA den Libanon für die Entscheidung, IS-Kämpfer vom eigenen Gebiet mithilfe eines Konvois zum Kernterritorium des Islamischen Staates nahe der irakischen Grenze in Syrien zu bringen. Die USA ging soweit und versperrte mithilfe von Luftschlägen dem Konvoi den Weg. In Raqqah beherrscht der Islamische Staat noch etwa 10-15% der Stadt. Die SDF verkündete aber heute, dass die Eroberung nur noch eine Frage von „Tagen“ wäre. Entweder handelt es sich hierbei um Optimismus oder es gibt tatsächlich eine Vereinbarung zwischen den beiden Seiten.

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SDF kontrolliert etwa 80% von Rakka

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Nach 106 Tagen konnte die von der USA unterstützten Syrian Democratic Forces (SDF) etwa 80% der Großstadt Raqqah im Norden des Landes vom Islamischen Staat erobern. Damit kontrolliert der IS nur noch den Nordteil der Stadt, doch der Widerstand wird stärker und die Fortschritte sind im Vergleich zum Anfang wesentlich erlahmt. Dennoch rechnen Pressesprecher der SDF mit einem Sieg innerhalb eines Monats.

Nach den Fortschritten im Osten und Westen der Stadt konnte man im Süden entlang des Euphrats die beiden Fronten vereinen und daraufhin weiter nördlich vordringen. Zu den ersten Eroberungen gehörte die Altstadt und deren antiken Gebäude, darunter viele Moscheen und die zentrale Festung. Vor wenigen Wochen konnte die SDF dann erfolgreich die gesamte Altstadt sichern. Derzeitige Kämpfe dauern weiter nordwestlich an. Der IS verteidigt seine Positionen in den Vierteln al-Huni, al-Nahdah, al,Wahdah, al-Hurriyah, al-Tawrah und im Industriegebiet Shamal Shikkat. Interessanterweise veränderte sich die Frontlinie im Norden seit Anbeginn der Kämpfe kaum, wahrscheinlich befestigte der IS dort besonders seine Positionen in der (falschen) Hoffnung, die SDF würde vom Norden attackieren.

Die neusten Erfolge gab es an der östlichen Front, den bisherigen Berichten zufolge wurden heute die Getreidesilos erobert und der Distrikt Ramilah vollständig gesichert. Pressesprecher geben sich optimistisch und sprechen von den „finalen Phasen“ der Kämpfe in Raqqah, nur noch einen Monat sollte die Operation andauern. Dennoch sind die Fronten manchmal nicht so ganz klar ersichtlich, vor rund drei Wochen berichtete man von verbliebenen IS-Kämpfern in einem Basar tief im Südosten der Stadt. Einem Gebiet, welches seit Monaten als vollständig erobert galt. Möglich sind ähnliche Szenarien in den restlichen Teilen der Stadt.

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Die Schwäche des Islamischen Staates macht sich auch in ihrer medialen Berichterstattung bemerkbar. Jeden Monat sank die Anzahl an veröffentlichten Videos und Fotos, sowohl von der offiziellen IS-Nahrichtenagentur al-Hayat, als auch vom semi-offiziellen AMAQ. Von 54 Fotos im Juni waren es im September lediglich Acht, die Hälfte davon widmete sich lediglich der Lobpreisung von getöteten „Märtyrern“. Der Einsatz von Selbstmordattentätern hat sich ebenso verringert.

Seit Beginn der Militäroperation zur Befreiung Raqqahs im November letzten Jahres im Umkreis der Stadt waren die Truppen der SDF immer weiter auf die Großstadt vorgerückt und im Juni erreicht. Raqqah war einst das administrative Zentrum des IS in Syrien, doch bereits vor der Offensive wurden die Institutionen in die Kleinstadt al-Mayadin verlegt. Im IS-Territorium in Raqqah sollen noch etwa 10.000 bis 25.000 Zivilisten verharren, Zehntausende flüchteten bereits und wurden in Flüchtlingslagern untergebracht.

SDF erreichen Altstadt Rakkas, USA zerstört Teile der Stadtmauer

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Mehrere Wochen seit Anbeginn der Offensive auf die nordsyrische Stadt Raqqah konnte die vom Westen unterstützte SDF immer wieder unter Verlusten neue Territorien in und um der Stadt erobern. Am Montag konnte man mit der Unterstützung der „Anti-IS-Koalition“ (sprich: In erster Linie die USA) nun die Altstadt vom Osten der Stadt erreichen. Dabei wurden durch amerikanische Luftschläge zwei, rund 25 Meter breite Sektionen der historischen „Rafiqa-Stadtmauer“ in der Nähe des al-Banat-Palastes zerstört, um einen Zugang zur Altstadt zu ermöglichen.

In einem Statement des amerikanischen Verteidigungsministeriums heißt es, die Zerstörungen waren notwendig um den Rest der Mauer und deren „Integrität“ retten zu können. Außerdem sind die eigentlichen Eingänge schwer befestigt, ein Durchbruch dort wäre nur unter schweren Verlusten möglich. Bereits 2014 wurden Teile der Mauer zerstört, als ein Bündnis aus verschiedenen, oppositionellen Gruppierungen (darunter auch der IS) die Syrisch-Arabische Armee in der Stadt angriff und sie kurz darauf eroberte.

Dem erreichen der Stadtmauer im Osten sind mehrere Gegenoffensiven des Islamischen Staates vorausgegangen, die immer wieder die neuen Eroberungen der SDF bedrohten. In einer großangelegten Operation konnte das Industriebezirk al-Sinaa vollständig zurückerobert werden. Dieser Vorstoß konnte zwei Tage später aber wieder zurückgeschlagen werden und man konnte sogar im weiter nördlich gelegenen Viertel Rawdah eintreten. Im Süden konnte die SDF die Bezirke Hisham Abdul Malik und Yamourk betreten werden, Ersteres soll laut unbestätigten Angaben etwa bereits zu 50% erobert worden sein. Dabei wurden mindestens drei SDF-Kämpfer umgebracht, wie die semi-offizielle Nachrichtenagentur des IS „AMAQ“ vermeldet.

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Szene aus dem neu veröffentlichten Video

AMAQ veröffentlichte außerdem ihr zweites Video von den Kämpfen in Raqqah, welches sich aber auf die zivilen Verluste und amerikanischen Luftschläge konzentriert. Dabei hat der australische Jihadist Abu Yusef Al-Australi als Arzt seinen ersten Auftritt seit 2015. Er beschreibt die dutzende Tote, die durch die amerikanische Luftangriffe verursacht werden.

Außerdem konnte die SDF bereits vor einigen Tagen weitere Gebiete südlich der Stadt und des Euphrates erobern und damit auch Raqqah vollständig umzingeln, nachdem die Dörfer Kasrat Affran, Ratlah, Hussainiya und Kasrat Mohamed Ali wurden. Ein Ausweg war bereits zuvor unmöglich, da die zwei Brücken über den Fluss zerstört waren und alle Boote zerstört wurden.

 

Seit Beginn der Militäroperation zur Befreiung Raqqahs im November waren die Truppen der SDF immer weiter auf die Großstadt vorgerückt. Raqqah war einst das administrative Zentrum des IS in Syrien, doch bereits vor der Offensive wurden die Institutionen in die Kleinstadt al-Mayadin verlegt.

Syrische Armee sichert Straße in Richtung Rakka

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Im Südosten der Provinz Aleppo konnte die Syrisch-Arabische Armee (SAA) die Straße zwischen den Orten Iltriyah und Rusafa vollständig sichern, die sich danach in nördlicher Richtung nach Raqqah und in Südlicher nach Deir ez-Zor teilt. Wenige Kilometer nordöstlich von Iltriyah trafen sich Einheiten der SAA aus beiden Richtungen, nachdem die „Tiger Forces“ aus Richtung Norden vorgedrungen sind.

Dadurch entsteht auch ein Kessel nördlich der Straße, in denen sich möglicherweise weiterhin IS-Kämpfer aufhalten werden. Vielleicht hat man sich jetzt aber auch in den letzten Stunden aus dem Gebiet zurückgezogen, die Eroberung der Straße ging nur sehr langsam voran und es gab genügend Zeit dafür. Die langsame Geschwindigkeit ist auch darauf zurückzuführen, dass Berichten zufolge die ehemalig oppositionelle Gruppe Liwa al-Aqsa sich dort aufgehalten hat. Anfang des Jahres desertierte die Gruppe in großen Teilen zum Islamischen Staat, nachdem es zu inneroppositionellen Kämpfen kam und man die IS-freundliche Haltung von al-Aqsa nicht unterstützte.

Unabhängig davon wird das eingekesselte Gebiet sicherlich schnell fallen, die Region ist von kleinen Dörfern und Hügelketten im Norden und von Wüsten im Süden geprägt. Die Tiger Forces werden danach wahrscheinlich wieder nach Rusafa verlagert, wo sie einen Vorstoß in südlicher Richtung vornehmen werden.

Widerstand in Rakka

 

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Mehrere Wochen seit Anbeginn der Offensive auf Raqqah konnte die vom Westen unterstützte SDF wichtige Erfolge aufgrund von strategischen Rückzügen des Islamischen Staates verbuchen, doch inzwischen ist klar: Der IS wird die Stadt nicht so zweifelsohne aufgeben wie anfangs angenommen.

Besonders im Norden der Stadt kam es zu schweren Kämpfen, die Militärbasis der 17. Division wechselte mehrmals ihren Besitzer, erst unter schweren Verlusten konnte die SDF den Ort für sich endgültig erobern. Bis zum derzeitigen Zeitpunkt konnte man im Norden nicht die Stadt betreten. Im Westen warten andere Gefahren: Autobomben und Selbstmordattentäter. Neu veröffentlichte Propagandavideos von AMAQ zeigen SVBIEDs, die besonders Konvois und Truppenansammlungen im Westen treffen und zerstören. Kämpfe finden derzeit in den Viertel Haddin, al-Qaddsdiyah und al-Hadinah statt.

Die Situation im Osten ist ähnlich. Besonders dort soll die SDF Verluste durch ständige Gegenoffensiven des IS erlitten haben, 15 Spezialeinheiten sollen im Industrieviertel nahe der Altstadt al-Sinaa eingeschlossen und danach getötet worden sein. Die Situation im Osten ist auch gänzlich unklar, derzeitige Videos der SDF zeigen Kämpfe und Positionen im östlichsten Viertel al-Mashalab, dem eigentlich zuerst eroberten Viertel in Raqqah (obige Karte ist insofern falsch). Das würde im Umkehrschluss bedeuten, der Islamistische Staat konnte die SDF aus den Vierteln al-Sinaa und Bitani gänzlich vertreiben.

Einziger Lichtblick scheinen die Dörfer südlich des Euphrates zu sein, immer wieder werden Farmen und Dörfer eingenommen, zuletzt Shaykh al-Jimal. Die dortigen Gebiete sind aber nicht strategisch wichtig, durch die zwei völlig zerstörten Brücken war Raqqah bereits zuvor völlig belagert. Es sollten sich dort auch nicht mehr viele IS-Kämpfer befinden, das Gebiet weiter südlich wurde schon von der syrischen Armee erobert.

Seit Beginn der Militäroperation zur Befreiung Raqqahs im November waren die Truppen der SDF immer weiter auf die Großstadt vorgerückt. Raqqah war einst das administrative Zentrum des IS in Syrien, doch bereits vor der Offensive wurden die Institutionen in die Kleinstadt al-Mayadin verlegt.

SDF verkündet Raqqah-Offensive

Am 6. November verkündete die SDF in einer Pressekonferenz den Beginn der Raqqah-Offensive mit dem Ziel, die Großstadt und faktische Hauptstadt des Daesh im Norden Syriens einzunehmen. Die „Zorn des Euphrat“ genannte Operation soll insgesamt 30.000 Soldaten der SDF/YPG zählen, nach eigenen Angaben sind die meisten Kämpfer aus der Region von Raqqah (z.B. sind auch eigene Gruppen wie Liwa Thuwar Raqqa nur aus diesem Grund existent).

Die Offensive genießt die Unterstützung der Internationalen „Anti-IS-Koalition“, sprich neben einer größeren Luftunterstützung wird es auch Unterstützung durch westliche Bodentruppen wie z.B. von der USA, Frankreich und gerüchterweise Deutschlands auch geben. Die Türkei wird diese Operation mit Argwohn betrachten, sowohl schloss die Türkei einen Angriff der YPG auf Raqqah kategorisch aus und hatte bereits in den letzten Wochen verstärkt Kriegsgerät an die Grenze zum Irak und Syrien geschafft. Die Türkei wird insofern wahrscheinlich nicht ruhig daneben sitzen und verstärkt gegen Gebiete der SDF vorgehen. Ein eindeutiges Zeichen wurde aber von der USA gesetzt, sie ziehen die SDF dem NATO-Verbündeten Türkei vor.

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Situation um al-Raqqah, Gelb: SDF

Raqqah war vormals wie jede Großstadt eine „Hochburg“ der Regierung, wurde aber aufgrund kleiner Garnison von nicht mal 400 Soldaten von der FSA verbündet mit dem damaligen Islamischen Staat im Levante (ISIL) überrannt. Nachschubmangel und die Inkompetenz der SAA-Generäle spielten dabei auch eine Rolle. Aufgrund des prestigeprächtigen Symboles und arabischen Bedeutung des Ortes wird diese Offensive ebenfalls von der syrischen Regierung wohl negativ angesehen werden, die Eroberung des Ortes bringt nicht nur internationale Presse sondern würde der SDF als eigenständiges Staatssubjekt gewisse Legitimation verleihen.