Waffenruhe bröckelt in Idlib

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Die Waffenruhe bricht in Idlib immer weiter: Zwischen der Syrisch-Arabischen Armee und verschiedensten, islamistischen Milizen kommt es immer häufiger und intensiver zu Gefechten innerhalb der zwischen der Türkei und Russland ausgehandelten, etwa 20 Kilometer breiten Pufferzone, welche sich völlig im Territorium der Opposition befindet. Zuletzt kam es zu Auseinandersetzungen bei der Großstadt Aleppo und und im Norden der Provinz Hama, die auf beiden Seiten in mehreren Toten resultierte. Die Aussicht auf einen langfristigen Frieden im Nordwesten Syriens sinkt von Tag zu Tag immer weiter, inzwischen beteiligen sich schon die größten, islamistischen Gruppierungen an den Gefechten mit der Armee.

Die ersten großen Brüche der Waffenruhe gab es in Nord-Hama, wo sich sogar ein eigener Operationsraum von mehreren dschihadistischen Organisationen unter der Führung der al-Qaida nahe stehenden Hurras al-Din gebildet hatte. Mithilfe von Mörsern, Artillerie und verschiedenen Panzerabwehrwaffen attackierte man verschiedene Verteidigungsstellungen der Armee und lokaler Milizen, wobei mindestens zwei Soldaten getötet wurden. Die syrischen Streitkräfte reagierten mit Artillerie- und Luftschlägen. Dabei wurde auch die Stadt Morek bombardiert, nicht weit davon entfernt steht eine türkische Observierungsbasis, die die Waffenruhe beobachten soll. Inzwischen haben sich die Aktionen der syrischen Luftwaffe bis nach Idlib ausgebreitet, wo z.B. Städte wie Jarjanaz oder Sarman angegriffen. Laut oppositionellen Medien starben dabei zehn Zivilisten.

Zudem kam es südlich von Aleppo ebenfalls zu kämpfen, vor allem der für den Warenverkehr nutzbare Grenzübergang bei Abu Duhur zwischen Rebellen- und Regierungsterritorium ist davon betroffen. Dort kam es zu ähnlichen Feuergefechten und Reaktionen der Syrisch-Arabischen Armee. Neuerdings beteiligen sich auch die zwei größten Fraktionen an den Kämpfen: Die „Nationale Befreiungsfront“ (pro-türkisches Bündnis, hauptsächlich bestehend aus den islamistischen Gruppierungen Ahrar al-Sham und Nour al-Din al-Zenki) und Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Jabhat al-Nusra und Fateh al-Sham) antworteten mit Artillerie- und Raketenangriffen auf Aleppo. Tahrir al-Sham soll sogar versucht haben, die Dörfer Masa’adah und Sukkariyah nördlich von Abu Duhur zu erobern, wurden aber nach stundenlangen Gefechten zurückgedrängt.

Russland und die Türkei einigten sich vor einigen Wochen gemeinsam auf eine etwa 15 bis 20 Kilometer breite „demilitarisierte Zone“ entlang der Frontlinien in den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo. Diese Pufferzone soll eine militärische Eskalation der derzeitigen Situation in Idlib verhindern, die letzte von der Opposition bzw. Islamisten gehaltene Provinz in Syrien. Die Kontrolle sollen dann türkische und russische Patrouillen in einem Gebiet übernehmen, welches vom Latakia-Gebirge bis an die Großstadt Aleppo reicht. Mit diesen Verhandlungen konnten beide Länder eine lange vorbereitete und angekündigte Großoffensive der Syrisch-Arabischen Armee zumindest vorerst aufhalten. Da es aber immer unwahrscheinlicher wird, dass sich die Islamisten an diesen Deal halten werden, rückt eine solche Operation und eine Legitimation ebendieser wieder in den Vordergrund und könnte die einzige langfristige Lösung für das Idlib-Problem darstellen.

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